Fünf Tage und was?
Samstag, 5. Dezember 2009 | Autor: Roger B. Nigk
Blog-Beitrag für Insider:
Bin wieder zurück. Das Wetter war diesmal ein bisschen frostiger, der Essensraum voller und lauter, dafür habe ich aber ein besseres Zimmer und wieder ein paar nette Bekanntschaften gemacht. Großartiges zu erzählen gibt es nichts. Diese Losgelöstheit vom Internet und eine daraus resultierende Onanie-Abstinenz hat mir mal wieder kurzzeitig die Augen geöffnet, damit die Realität ihren Samen in meine Augenhöhlen schießen kann.
Männer dieser Welt, hört verdammt nochmal auf mit dieser Wichserei! Ihr verschwendet Ressourcen, Energie und Zeit! Und hört auf viele Frauen zu treffen! Das verschwendet Ressourcen, Energie und Zeit! Natürlich habe ich mich mit ein paar Weibchen vergnügt, nur hat es diesmal irgendwann Klick gemacht. Muss ich mein Ego damit streicheln, indem ich mit attraktiven Frauen in Kontakt trete und es bis zu einem gewissen Punkt – der an dem ich weiß “Ha, sie ist schon bereit für eine Entführung auf mein Zimmer” – zu eskalieren?
In meiner Teenagerzeit war ich nie sonderlich erfolgreich bei Frauen. Ich hatte Chancen mit wundervollen Mädchen zusammenzukommen, aber soziale Limitierungen, selbst auferlegte Ängste, Zwänge, Selbsthass, Selbstzweifel und Handlungsdruck umwickelten meine Testikel mit Stacheldraht, sodass ich nichts anderes konnte als mich kurz vor dem Kuss in einer zitternden Embryostellung auf dem Boden zu wälzen. Wie gesagt, ich war nie sonderlich erfolgreich. Jetzt bin ich älter, ein bisscher weiser und erfahrener. Ich kann ich sein und dadurch Menschen in meinen Bann ziehen. Ich kann böse manipulieren wenn es sein muss, doch das muss ich nicht. Ich kann mein Leben leben ohne es von weiblicher Bestätigung abhängig zu machen. Kann ich? Nein, kann ich immer noch nicht ganz. Ich brauche manchmal die Bestätigung, dass ich begehrt werde. Ist das nicht bescheuert? Streckenweise bin ich vollkommen losgelöst von Frauen, nämlich dann, wenn ich mich meinem persönlichen Lebensziel zuwende. Solche Ausflüge wie ich ihn diese Woche hatte, halten mich allerdings von meinem Lebensziel fern, sodass mir langweilig wird. Ziemlich langweilig. Ich gehe raus auf den Flur, gehe ein bisschen spazieren, sehe etwas das mir gefällt und los geht’s. Ich analysiere. Aussehen, Körpersprache, Worte, Reaktionen. Erste Berührungen. Ein paar Geschichten. Ich werde gegrüßt, stelle ihr Freunde vor. Ich demonstriere aktiv einen hohen sozialen Status. Ich berühre Sie wieder. Ich stelle mich auf sie ein, baue Rapport auf. Irgendwann breche ich den Rapport. Sie läuft mir hinterher. Weitere Geschichten. Ich isoliere. Sie klebt an mir. Ich bin der billige Fliegen-Klebestreifen der ihr Herz nicht mehr wegflattern lässt. Ich flirte ohne verliebt zu sein.
Warum mache ich das? Wie erbärmlich das ist! Normalerweise bin ich ein sehr umgänglicher Mensch. Ich liebe es neue Leute kennenzulernen. Und ich liebe Frauen. Vieles ergibt sich einfach von allein, ohne großes Zutun. Diese Woche habe ich es darauf angelegt. Ich vereinnahme eine Frau und fühle selbst nichts. Nur für’s Ego will ich mir sagen können: “Ja, Roger, du hast es noch drauf. Du bist es!” Was ein Scheiß. Ich werde soetwas nie mehr tun. Wenigstens bin ich kein Arschloch das Frauen konsumiert. Mit mir hat man eine schöne Zeit und ich bin einfühlsam genug, es angenehm enden zu lassen. NIE MEHR möchte ich ab jetzt eine Frau verführen, nur um mir selbst etwas zu beweisen. Es fühlt sich falsch an, so als würde ich aus meinem eigenen Körper schlüpfen und zum Zuschauer meiner persönlichen alten “Masche” werden. Ich verliebe mich sehr schwer. Nach meiner Trennung von ihr im Mai scheint mir das bis jetzt nochmal bestätigt.
Als ich im Fernsehzimmer des Erdgeschosses saß und über mich nachdachte, griff ich spontan nach einem Buch, das mir schon bei meinem letzten Aufenthalt dort auffiel. Es enthält ein Gedicht von Erich Kästner. Wer mich kennt könnte wissen, dass ich Erich Kästners Gedichte sehr liebe. Es heißt “Ein Mann gibt Auskunft”.
“Das Jahr war schön und wird nicht wiederkehren.
Du wusstest, was ich wollte – stets und gehst.
Ich wünschte zwar, ich könnte dir’s erklären,
Und wünschte doch, dass du mich nicht verstehst.
Ich riet dir manchmal, dich von mir zu trennen,
Und danke dir, dass du bis heute bliebst.
Du kanntest mich und lerntest mich nicht kennen.
Ich hatte Angst vor dir, weil du mich liebst.
Du denkst vielleicht, ich hätte dich betrogen.
Du denkst bestimmt, ich wäre nicht wie einst.
Und dabei habe ich dich nie belogen!
Wenn du auch weinst.
Du zürntest manchmal über meine Kühle.
Ich muss dir sagen: Damals warst du klug.
Ich hatte stets die nämlichen Gefühle.
Sie waren aber niemals stark genug.
Du denkst: das klingt, als wollte ich mich loben
Und stünde stolz auf einer Art Podest.
Ich stand nur fern von dir. Ich stand nicht oben.
Du bist mir böse, weil du mich verlässt.
Es gibt auch and’re, die wie ich empfinden.
Wir sind um so viel ärmer, als ihr seid.
Wir suchen nicht, wir lassen uns bloß finden.
Wenn wir euch leiden sehen, packt uns der Neid.
Ihr habt es gut. Denn ihr dürft alles fühlen.
Und wenn ihr trauert, drückt uns nur der Schuh.
Ach, unsre Seelen sitzen wie auf Stühlen
Und sehn der Liebe zu.
Ich hatte Furcht vor dir, du stelltest Fragen.
Ich brauchte dich und tat dir doch nur weh.
Du wusstest Antwort. Sollte ich denn sagen:
“Geh!”
Es ist bequem mit Worten zu erklären.
Ich tu es nur, weil du es so verlangst.
Das Jahr war schön und wird nicht wiederkehren.
Und wer kommt nun? Leb wohl! Ich habe Angst.”




