Beiträge vom 14. November 2009

Cobweb 2.0

Samstag, 14. November 2009 | Autor: Roger B. Nigk

Wordpress, Blogspot, Twitter, MySpace, lokalisten, Facebook, das studiVZ mit all seinen Verästelungen … heutzutage gewähren viele Leute über das Internet tiefe Einblicke in ihr Privatleben. Über Sinn und Unsinn lässt sich streiten. Ein gewisser Exhibitionismus spielt natürlich eine Rolle, meist aber nur eine überdrehte Selbstdarstellung (oder man ist ganz der Langweiler und gestaltet sein Profil nur soweit, dass Freunde einen finden können, so komplett ohne Provokation und Fäkalhumor). Aus der Sicht eines Arbeitgebers ist das verlockend. Man hat zehn Bewerbungsmappen am Schreibtisch liegen und bemüht mal munter den “Karrierekiller” Google oder loggt sich z. B. im studivz in ein Fake-Profil ein, um munter gaffen zu können. “Oho, er ist in einer ‘Blackjack, Koks und Nutten’-Gruppe und findet, dass eine Frauenbewegung gut ist, solange sie im Rhythmus bleibt. Und diese Bilder! Scheint sich oft die Kante zu geben, der Bub. Achja, ich war auch mal so jung. Aber für den Job als Bankkaufmann kann ich den nicht nehmen!” Ich empfinde zutiefste Verachtung…

Nicht gegenüber dem absoluten Schwachmaten, der sich im Internet nicht zu präsentieren weiß, sondern gegenüber dem Arbeitgeber bzw. Personalverantwortlichen, welcher aufgrund von einem Web-2.0-Profil eine Entscheidung fällt. Was zum Fick vergibt Eier an Eunuchen, damit man sich einfach so in einen klar abgesteckten privaten Bereich zum heimlichen rumschnüffeln einloggen kann? Natürlich hat man z. B. im studiVZ die Möglichkeit freizugeben, was man auf einem Profil als Nicht-Freund sehen darf, trotzdem! Ich finde es eine bodenlose Frechheit Leuten im Internet hinterherzuspionieren, nur weil es geht! Eine leicht wellige Parallele zur Stasi macht sich vor meinem geistigen Auge breit. In welcher Gesellschaft leben wir, in der man Privates nicht von Beruflichem trennen darf? Sicher gehen Privat und Beruflich ab einer gewissen Position Hand in Hand, doch ich für meinen Teil, der seinen Beruf nicht als höchstes Lebensziel ansieht, verlange eine klare Trennung! Zu hören, dass man es als Unternehmer gutheißt, das Web 2.0 zum spannen (nicht spammen) zu benutzen, ist für mich ein Tritt in die Weichteile. Nur weil es geht, muss man es nicht tun! Ich könnte auch in das vorhanglose Fenster meines Nachbarn schauen, tu’s aber nicht. Ich könnte dem streunenden Kater meines Nachbarn nachts in den Arsch ficken, tu’s aber nicht. Ich kann davon träumen, aber ich muss es deswegen nicht tun.

Der Umgang im Internet braucht gewisse Umgangsformen, so wie sie auch im Real Life gewünscht sind. Es ist einfach schlechter Stil, sich mir nichts dir nichts in ein fremdes virtuelles Wohnzimmer zu setzen und sich alles anzuschauen/anzuhören was in Reichweite ist, dazu noch heimlich. Absolut schlecht wird mir allerdings erst – wie schon gesagt – wenn der Arbeitgeber aufgrund irgendeiner verfickten Internetpräsenz eine Entscheidung darüber fällt, ob er jemanden einstellt oder nicht, obwohl dieser jemand in keinem rechtsradikalen Forum unter dem Namen “Kinderschänder81″ angemeldet zu sein scheint. Warum machen wir es uns immer so verfickt einfach ein Urteil über andere Menschen zu fällen? Wozu gibt es im Berufsleben eine Probezeit? Warum gibt man dem Bewerber nicht wenigstens die Chance auf ein Vier-Augen-Gespräch? Warum muss man überhaupt online anderen Leuten nachschnüffeln (egal ob privat oder beruflich)? Geht es um Doktoranden, kann ich mir vorstellen, dass man sich im Internet erkundigt, was sie an wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht haben. Aber wer ZUM FICK schmeißt eine Bewerbungsmappe weg, weil studiVZ – das Riesenarschloch – so geweitet ist, das jeder sehen kann, ob der Blinddarm schon rausgeschnitten wurde und ob der Stuhl auch keine verdächtigen Verfärbungen aufweist!!!???!!!?!

Roger, relax.

Was ich sagen will: Stellt nicht jeden Scheiß unter eurem Namen ins Internet. Passt auf wo ihr euch anmeldet, vor allem mit einer E-Mail-Adresse, in der euer voller Name erkennbar ist. Ich weiß von mindestens vier fremden Leuten, die ein einziges Mal in meinem Blog ein Kommentar abgegeben haben, wie sie aussehen und wo sie wohnen. Durchschnittliche Suchzeit: zwei Minuten. Seid froh dass ich kein verrückter Serienkiller bin, oder noch schlimmer, der Chef des Unternehmens bei dem ihr euch mal bewerben wollt, um euch ein halbwegs angenehmes Leben zu ermöglichen. Und ja, ich schnüffel auch im Internet herum! Auf wie viele Bilder von ehemaligen Mitschülerinnen ich mir schon einen runtergeholt habe … ich könnt’s nicht sagen ohne mich einer sehr peinlichen Situation auszusetzen.

Thema: disrespects | 4 Kommentare