Wie man Martyrs schaut

Sonntag, 20. September 2009 |  Autor: Roger B. Nigk

Du hast den Trailer gesehen, der dich neugierig gemacht hat. Im besten Fall hast du aber nur mal irgendwo gehört “Boah, der muss krass sein.” Such jetzt nicht nach weiteren Trailern. Tipp den Film nicht in YouTube ein, schon gar nicht in Google. Durchsuche keine Foren danach und lies keine Beiträge, über die du stolperst. Freunde die den Film schon gesehen haben, sollen die Klappe halten (tonal und physiognomisch). Kein Wort über den Film! Nicht einmal eine filmbewertende Grimasse sollen sie schneiden!

Halte dir einen Abend frei, an dem du alleine und vollkommen ungestört bist. Je älter die Nacht, umso besser.

Guck dir den Film am Laptop oder PC an. Es ist einfach etwas vollkommen anderes den Bildschirm direkt vor der Fresse zu haben, als den Fernseher drei Meter vor einem im Eck. Die Lautsprecher zeigen direkt zu deinen Ohren. Der Volume-Regler ist dort, wo du ihn zum entspannten Heimatkomödien gucken nie hattest. Für das absolute Klangerlebnis, setzt du dir gute Kopfhörer auf. Laut drehen, Mann!

Du warst nochmal pissen, kacken und hast keinen Hunger oder Durst. Weg mit dem Popcorn, du bist nicht im Kino! Wenn noch nicht unlängst geschehen, schalt spätestens jetzt das Licht aus. Hock dich bequem auf deinen Arsch und drück auf Play. Glücklich bist du, wenn du französisch kannst. Untertitel lenken zu sehr vom Hauptgeschehen ab. Die deutsche Syncro ist jetzt nicht soooooo ultrakacke, mich hat sie aber doch sehr angekotzt. Im O-Ton soll das ganze nochmal einen Tacken intensiver rüberkommen.

Bevor ich’s vergesse, das Teil ist ein Horrorfilm, got it? Ein französischer Horrorfilm! Das ist kein Spaßkino hier. Das wurde geschaffen um dir einen dicken Schwanz in den Schädel zu rammen, der dir den zerebralen Tripper anhängen will. Lass die Finger davon wenn du nix verträgst! Für die, die immer noch nicht die Muffe bekommen haben:

Viel Spaß beim schauen …

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Na? Gesehen? Falls nein, aber du möchtest das noch nachholen, lies nicht weiter. Falls ja bzw. nein, aber du möchtest den Film auch nie sehen, lies schon weiter.

“Torture Porn” wurde im Zusammenhang mit dem Film oft gaaaaaaanz laut geschrien. Ich kann es nicht bejahen. Zuviele atmosphärische Einbußungen hätte man in Kauf nehmen müssen, wenn die Kamera nicht so schonungslos gewesen wäre. Der Film hätte ohne Draufhalten einfach nicht richtig gewirkt. Es ging darum, die Grenze des Machbaren mit einem finsteren Grinsen anzupissen. Außen stehend. Mit Halberektion. Trotzdem kein Torture Porn! Außerdem war die Kameraführung an einer speziellen Stelle doch sehr gnädig. Glück gehabt, sag ich da nur.

Zu der Story kann man vieles sagen. Ob billig um die Gewalt herum konstruiert oder nicht, sie offenbart eine nette Interpretation. Abwegig fand ich das ganze auch nicht. Wer weiß ob ähnliches nicht schon tatsächlich so gemacht wurde? Aufwendig organisiert von unverschämt reichen Sadisten. Ach Schwachsinn! Im Film geht’s schon ein bisschen abstrus zu, aber wie schon mal gesagt: Man muss sich einfach drauf einlassen. Denn tut man’s in diesem Fall, bekommt man etwas zu sehen, das man so noch nicht gesehen hat. Und das sagt jemand, der sich auf Slaughtered Vomit Dolls einen runterholt und dem auch die August Underground Reihe mehr als nur ein wild umschriebener Begriff aus behinderten Filmforen ist. Bei Martyrs geht’s dir ans Hirn! Du kannst deine Augen auf den Bildschirm legen und nichts sehen. Oder du kannst wegschauen und trotzdem alles spüren. Wieder ein Regisseur der sein Publikum ficken will. Wieder aus Frankreich. Und wieder ein Film der dort ab 16 zu haben ist! Ich kapier’s nicht. Erste Prüfung ergab ein klares ab 18. Das ist in Frankreich mit einigen Restriktionen verbunden. Nur Pornos müssen darunter leiden. Da kommt die französische Kulturministerin daher und sagt “Na, na! Prüft den schön noch einmal, ja?” und voilà, plötzlich geht was vorher nicht ging. Hängt natürlich wie so oft mit Geldmacherei zusammen. Dennoch könnte man fragen, warum denn keine Amoklauf-Meldungen aus Frankreich zu uns rüberschwappen? So viel krankes Zeug was es bei denen zu sehen gibt! Ich hatte deswegen mit einem Freund eine kurze oberflächliche Diskussion darüber und er vertrat die Auffassung, dass nicht die Filme oder Gewaltspiele daran schuld seien, sondern die Medien, die jeden Amokläufer “feiern”. Wenn man bedenkt, dass meist nur die amokmäßig rumwichsen, die unter “sozialer Querschnittslähmung” leiden und keine andere Chance sehen irgendwie zu öffentlicher Aufmerksamkeit/Berühmtheit zu gelangen, nehmen sie es sogar in Kauf, nach ihrem Märtyrertod nichts mehr von diesem Hype mitzukriegen. Es reicht das Gefühl zu wissen, dass danach jeder sein Gesicht kennen wird. Anderen muss man zwanzig Jungfrauen im Paradies versprechen …

Jetzt könnte man sich noch fragen warum dann nie Frauen Amok laufen. Hm, mal kurz drüber nachgedacht kann das daran liegen, dass nur Männer diesen gewaltigen Druck verspüren, einen hohen Status zu haben und erfolgreich zu sein. Bei Frauen prägt sich das inzwischen natürlich auch immer weiter aus, aber die haben ja nicht so sehr mit Testosteron zu kämpfen wie wir, haha. Außerdem richten Frauen ihre Aggressionen – entstanden aus dem Unvermögen in der Welt bestehen zu können – oft nur gegen sich selbst. Sieht man ja an SVV und dem ganzen Kram. Männer hingegen geben immer nur den anderen die Schuld, egal bei was. “Wäh, sie hat mich verlassen weil sie eine Schlampe ist.” Sie hat dich verlassen weil du ein verficktes Weichei bist. “Wäh, ich krieg keine geilen Weiber weil meine Eltern so hässlich sind und ich es deswegen auch bin.” Du kriegst keine Weiber weil du nicht mit Frauen reden kannst und einfach ein verficktes Weichei bist. “Wäh, ich krieg keinen Job weil die Lehrer mir so verschissene Noten geben.” Du hast verschissene Noten weil du statt lernen lieber im Internet gechattet und Ego-Shooter gespielt hast (wie so viele andere Menschen auch, die deswegen nicht Amok laufen) und das nach wie vor tust, statt deinen Arsch hochzukriegen. “Wäh, ich hab keine Freunde nur weil ich nicht mit dem Strom schwimme.” Du hast keine Freunde weil du erwartest, dass andere den ersten Schritt machen. Und du bist nicht nur zu blöd mit Frauen zu reden, du hast auch Schiss vor Fremden oder kriegst einfach nur dein Maul nicht auf. Dir fehlen einfach Social Skills, Mann! “Wäh, ich kann in dieser Welt nicht bestehen weil das ganze System ein Arschloch ist und ich mich nicht unterwerfen will!” Dir fehlt die männliche Tugend die Initiative zu ergreifen, Sachen in Angriff zu nehmen, Sachen zu ändern, dich anzupassen wo es sein muss und auf sympathische, charmante Weise DIR die Welt zu unterwerfen, statt umgekehrt! “Survival of the fittest”, motherfucker! Nicht die Stärksten überleben, sondern die Bestangepasstesten (was ein Wort, ey). Krieg dein Leben auf die Reihe, Depp! Es gibt so viele feige Weicheier die Selbstmord begehen OHNE andere mit in den Tod zu ziehen.

Zurück zu Martyrs. (krass wie weit man abdriften kann, wenn man etwas im Darm hat, das unbedingt rausmuss)

Der Film is krass, aber kein Meisterwerk, entgegen der Meinung vieler anderer. Schrotflintenschüsse bei denen die Getroffenen meterweit nach hinten fliegen, fuck off. Das haben schon die Mythbusters getestet, dass des net hinhaut! Dann das Blut aus der Halsschnittwunde im Regen und die Halsschnittwunde an der Leiche im Close-Up. Schlecht! Die Prügel gegen Anna, in der man diesen türsteherähnlichen Typen nur von hinten sieht. SCHLECHT! Wenn ich noch ein bisschen weiter nachdenk, fällt mir sicher noch mehr ein. Irgendein unnatürliches Verhalten in einer bestimmten Situation oder sonstwas. Zuviele Macken um wirklich ein Meisterwerk zu sein! Funny Games ist für mich ein Meisterwerk. Unabhängig vom Horror-Genre: Fight Club. American Beauty. Little Children. Meisterwerke! Martyrs ist keins. Leider. Großes, großes Leider. Genauso wie bei Inside. Viel, viel unnötige Kacke, die mit einer verkohlten Hand einmal quer über die Leinwand (im malerisch-künstlerischen Sinne) wischt.

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Thema: Film, In sich gekehrt

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3 Kommentare

  1. 1
    Björn 

    Also krass ist er, und wenn man sich extrem darauf einlässt, und vor allem auch die Grundidee dahinter nicht als dämlich abtut sondern als realistisch möglich ansieht, dann wirkt er. Stundenlang habe ich mit Freunden über das Ende diskutiert, was da jetzt eigentlich passiert ist, und natürlich die große Frage, was sagt sie ihr, was so krass ist, dass sie sich das Leben nimmt? Das ist schon fantastisch, das stimmt. Dass der Film kein Meisterwerk ist stimmt leider auch, mich hat vor allem der krasse Schnitt in der Mitte etwas gestört, zuerst geht es da um dieses unsichtbare Viech, und plötzlich um etwas ganz anderes. Versteht man aber die ganze Story ergibt das schon einigermaßen Sinn, und vielleicht ist es auch gerade dieser krasse Bruch in der Stimmung der den Film besonders macht. Mir jedenfalls hat er insgesamt gut gefallen, weil da mal eine anständige, anspruchsvolle und krasse Idee dahinter steckt, eben nicht wie bei diesen Filmen bei denen Gewalt nur gezeigt wird um eben gezeigt zu werden.

    Funny Games ist ein ganz anderes Kaliber. Der Film tut genau das was er tun will, den Zuschauer zu quälen, mit den Bildern, mit dem Ton und mit der Geschichte. Für sich also eine extreme Erfahrung, der Film nimmt einen komplett mit, erreicht damit sein Ziel und ist deswegen einfach grandios, ein Geniestreich.

    Fight Club, true.

    American Beauty fand ich noch nie knülle, ich fand den immer überbewertet und extrem Klischeehaft (“OMG diese extreme Tüte ist so extrem tiefgründig!!!”), allerdings ist es auch schon lange her, dem werd ich wohl nochmal eine Chance geben.

    Little Children kenn ich noch gar nicht, aber den werd ich mir jetzt auch mal geben, wenn du den in einem Atemzug mit den anderen hier nennst.

  2. 2
    Roger B. Nigk 

    American Beauty reitet ja bewusst auf einigen Klischees rum und legt sie frei wie Borderline-Persönlichkeiten ihre Wunden im heißesten Sommer.
    Die Tüte fand ich ehrlich gesagt ziemlich cool. Sie war der Fremdkörper im wirbelnden Laub, das Sinnbild der Industrialisierung – nicht das Laub ist schön, sondern die Tüte – und die Poesie, die aus diesem Typen fließt, diese Schönheit, welche er dieser Tüte zugesteht (es sei das Schönste was er jemals gefilmt hätte), das hat mir umso mehr verdeutlicht, dass der Kerl ein sozialer Krüppel ist. Zuneigung (sie tanzt für ihn), ungeteilte Aufmerksamkeit und Hingabe(sie tanzt für ihn geschlagene 15 Minuten), Dinge die er von Menschen nicht bekommt, bekam er von dieser Tüte. Andere Menschen die er Filmen möchte, weichen ihm natürlich aus oder sehen ihn als bescheuerten Weirdo (der er ja doch irgendwie ist). Nur muss man verstehen, dass das Filmen für ihn ein Festhalten von Erinnerungen ist. So hat er seine Erinnerungen alle schön geschachtelt im Regal stehen und kann sich rauspicken was er sehen möchte. Allein auf sein Hirn beschränkt, wird er von anderen Erinnerungen beherrscht, z. B. die alltägliche Misshandlung durch seinen Vater (über Wort und Tat). Und er sagt ja “I need to remember”. Sich daran erinnern wann es ihm gut ging und wie sich das anfühlte. Schau ich mir die Szene allerdings ohne Ton an, so find ich sie total behindert. Die Musik macht’s. ;) (und ja, ich interpretiere immer gerne irgendwelche Scheiße in Filme)

    American Beauty und Little Children fahren für mich in der selben Spurrille, nur liegt American Beauty mit großem Abstand in Führung. Little Children hat mir dennoch gefallen, weil er sehr gut zu einem gewissen Abschnitt meines Lebens passte, in dem es hieß, Erwachsen werden, Verantwortung für sich selbst und andere übernehmen und trotzdessen versuchen glücklich zu werden. Der Film heißt nicht umsonst Little Children. Es geht um die Kinder, die es wirklich verdammt schwer haben, aber vor allem oder gerade deswegen auch um den unglaublichen Infantilismus der Großen (von der Mutter des Kinderschänders bis zu Brads [Patrick Wilson] Ehefrau Kathy [Jennifer Connelly]). Vielleicht gefällt mir Little Children aber auch nur deswegen so sehr, weil Kate Winslet (die alte MILF) nackt zu sehen ist.

  3. 3
    Björn 

    “und ja, ich interpretiere immer gerne irgendwelche Scheiße in Filme”

    :D kommt mir auch so vor. Aus deiner Sicht habe ich den Film damals überhaupt nicht gesehen. Ich habe ihn mehr so gesehen “Ok ne Tüte, soll wohl cool tiefgründig sein, pf”, “Ok er wichst sich einen, soll wohl irgendwie schockierend sein, Kevin Spacey wichst sich einen, pff”, “Ok sie zeigt ihm ihre Titten, geil”. Oder so ähnlich.

    Little Children klingt gut, Jennifer Connelly ist immer ein Grund nen Film zu schauen, und Kate Winslet (ohja!) auch. Schon Der Vorleser gesehen? :D

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