Um 5 ins Bett gehen
Sonntag, 12. Juli 2009 | Autor: Roger B. Nigk
Dem Bus hinterherrennen. Mit einer hübschen Blonden einsteigen und sich zu seinen Freunden setzen. Witze über Gangknüppel als Dildoersatz machen. Laut sein. Die Route fahren in der nur Idioten einsteigen. Minderjährige Tussen rennen dem Bus auch hinterher. Einer rutscht dabei das Top runter. Alle lachen draußen. Ein Kerl steigt ein. Ihm bleibt der MP3-Player an einem Sitz hängen und fällt runter. Er sieht uns und schreit “Missgeburt”. Außer mir hat’s keiner gehört. Nachdem er sich hingesetzt hat, geht ein kleines Mädchen zu ihm und küsst ihn auf die Backe. Er dreht sich zu uns und schreit “Halt dein Maul, Hurensohn!” Wieder hab’s nur ich gehört. Der Stresser spuckt auf den freien Platz neben sich. Und nochmal “Missgeburt!” gefolgt von einem Mittelfinger in Richtung des Kumpels, der seit einiger Zeit lautstark Imbiss Bronko zitiert. Stresser kann seine Maulsäfte nicht in sich lassen; spuckt weiter auf den Sitz. Kurz nach einem saftigen Rotzgespitte steigt das kleine Mädchen aus, nicht ohne ihn nochmal einen Kuss zu geben. Diesmal auf den Mund. Mir wird schlecht. Gott sei Dank steigt dieser unappetitliche Penner zwei Haltestellen danach auch aus.
Erster Club. Fast keiner da. Musik ist scheiße. Kumpels glühen vor. Einer wartet auf ‘ne Tussi die ihm Geld schuldet für dreimal nach München fahren. Ein weiterer Kumpel kommt dazu. Bekannte Gesichter sehen. Hier und da jemanden grüßen. Typen in nerdigen Outfits rennen an uns vorbei (Stirnbänder, Emo-Frisuren, Baggy-Pants die ab dem Knie knalleng zulaufen). Sehr nerdig. Nerdig im Sinne von ‘keine Pause lang überlebensfähig in Hauptschule’. “Ist das nicht die Kleine, die letztens zusammen mit ihrer Mutter da war? Die haben sich beide so Dreadlocktypen abgeschleppt.”, “Nee, des is’ die nicht.”, “Doch, schau dir die Hüfte an! So schmal, das muss die sein. Sie is’ nur nicht geschminkt, deswegen.”, “Okay, kann sein. Da is’ wieder’n Dreadlocktyp bei ihr.”, “Schau mal den da hinten! DER FICKT DOCH ALLES!”, “HEY, NIMM DEIN STIRNBAND RUNTER, DU SPACK!”
Wir wollen weiter. “Jetzt wartet’s halt noch, die kommt in fünf Minuten und bringt mir mein Geld.”, “Wir gehen vor und du kommst hinterher.”, “Nein, jetzt wartet’s halt. Was soll der Scheiß?”, “Was soll der Scheiß dass du uns in deine Privatangelegenheiten mit reinziehst. Aus 5 Minuten werden 10, so ist das immer. Und Roger plus ich ergibt 20 Minuten.”, “Häh?”, “Jetzt chillt mal. Warten wir einfach 5 Minuten und wenn sie nicht kommt, gehen wir.” Sie kommen. Zu dritt. Eine leicht stinkige Kampflesbe hat ihren Freund dabei. Die andere zückt das Geld. Kampflesbe: “Ich find das Wucher! Wie kann man so viel Geld für die Fahrten verlangen!” Er rechnet ihr gereizt seine Spritkosten vor. Es schaukelt sich hoch. Ich sage ihr, dass sie aufhören soll über mein Ohr zu schreien. Am Ende streiten alle miteinander. Ein bisschen Gewaltbereitschaft liegt in der Luft. Kleine, feine Nuancen. Ich chille ein bisschen. Wir gehen weiter.
Club Nummer Zwei. “Ein Euro Eintritt.”, “Ich hab meine Raucherkarte nicht dabei. Aber ich hab schon zwei!”, “Das ist egal. Dann kostet’s zwei Euro mehr.”, “Aber ich hab zwei!”, “Tut mir Leid, das ist nicht meine Regelung. Glaub mir, wenn’s das nicht gäbe, wär mein Job auch viel leichter. Du musst die hier ausfüllen.” Ich hab meine Raucherkarte dabei. Bisschen komisch so eine in der Geldbörse zu haben, obwohl man gar nicht raucht. Bevor wir uns ins Getümmel stürzen, geht jeder noch schiffen Ein Kumpel stürmt direkts ins Frauenklo. “Oh, falsch.” Im Männerklo stakst uns eine Frau entgegen. Riesenausschnitt. “Hey, du bist falsch.”, “Sagt der Kerl der grade selbst falsch war.”, “Hey, du hast dich doch grade nicht etwa hingesetzt, oder? Nicht dass du schwanger wirst.” Ich stehe breitbeinig über einer Pfütze vor dem Pissoir. Hinter mir nervt jemand. “Jetzt entspann dich mal ein bisschen.”, sage ich. Seine Fresse kommt mir bekannt vor, vielleicht vom letzten Clubbesuch vor einer Woche. Peinlicher Kerl der nur auf die Theke oder Bänke springt um Tussen anzutanzen. “Ich kann nicht wenn du schaust.” Er schaut weg. Ich kann trotzdem nur ein paar Tropfen. Also lasse ich ihn noch weiter warten. Er würde mich gerne packen und wegreißen. Mit einer geballten Faust warte ich darauf. Aber er macht’s nicht.
An der Bar übersehen werden weil zu viele auf der Theke rumwackeln. Ein Bier bestellen das nicht mehr hergestellt wird. “Dann ein anderes des nich’ so stark is’.” Ich will nüchtern bleiben. Lehne mich mit beiden Ellenbogen auf die Bar und schaue mir die Mädels über mir beim Tanzen an. Die Musik is’ verfickt laut. Nächstes mal Ohrenstöpsel. Über mir pfeift ein dummer Wichser im Minutentakt. Viel zu laut, sticht ins Ohr. Dann sucht er ein paar mal den Kontakt zu mir. Ich grüße und hebe ihm meine Bierflasche entgegen. “Kennst du den?”, “Nö.”
Wir verziehen uns wieder. Ein Glasfensterchen in der Ausgangstür ist eingeschlagen. Dicke Blutflecken überall. Sie führen ins Frauenklo. Aber eine Lederjacke, die nur einem Mann gehören kann, liegt davor, blutverschmiert. Draußen gehen sich ein paar Leute an. “Ruft nen Krankenwagen und schaut dass der nicht weggeht.”, “Den da hinten lasst ihn in Ruh’, verstanden? Das is’ mein Freund!” Ich will noch bleiben um zu sehen wie der blutende Kerl aussieht. Keiner wartet auf mich.
Kurzes beraten wo’s jetzt hingeht. Disco soll’s sein. Ich will keine 10 Euro Eintritt zahlen, also nehmen wir eine andere Disse in der ich noch nicht war und die nur halb so viel kostet. Rumgetanze. Hin und herlaufen. Kampflesbe treffen. Wieder kurz Stress. Ihr Freund stößt dazu. Es wird geklärt und alles ist wieder cool. Weiter geht’s. Neue Leute kennenlernen. Kumpel steigt ein paar Mal auf’s Geländer und macht ein paar 180′s und 360′s nach unten. Anderer Kumpel flirtet eine Berlinerin an, fragt sie nach Feuer, nachdem sie ihn dazu brachte, ihr eine Flasche Cola zu bringen und sich zu ihr zu setzen (nicht einmal sagte sie “bitte”). Sie hat kein Feuer, fragt aber ihre Schwestern, mit denen sie hier ist. Keiner hat eins. Ich sage zu ihm: “Brauchst du wirklich Feuer oder wolltest du nur ‘nen Grund mit ihr zu quatschen?”, “Du meinst ob ich nur mit ihr quatschen wollte … oder sie bummsen will?” Als ich ihm eine Schachtel Streichhölzer gebe sagt er “Die Antwort ist: Beides.” Als er aufs Klo geht sage ich ihr, dass sie ihn fragen soll ob er ihr einen Drink spendiert und wenn er’s macht, solle sie mir die Hälfte geben. Ihr Bruder ist Unternehmer. Seine Visitenkarte ist schick. Etwas länger mit ihm reden und eine sehr interessante Weltanschauung vernehmen. “Welche von ihnen ist deine Frau? Nicht dass ich sie versehentlich anflirte.” Seine Frau ist die einzige die mich interessiert hätte. Einer meiner Freunde flirtet sie an. Der Unternehmer ist ganz entspannt. Ich sage: “Keine Angst, er unterhält sich nur.”, “Selbst wenn er sie anflirtet, is’ mir egal. Selbst wenn er der attraktivste Kerl der Welt wär.” Diese Einstellung gefällt mir, weil es auch die meinige ist. Eifersucht ist Indikator für ein zerficktes Selbstwertgefühl. Erzieht euch die Eifersucht ab, vor allem als Mann.
Draußen vor der Tür wieder neue Leute kennenlernen. “Woher kennt ihr euch? Wie heißt du? Schön dich kennen zu lernen.” Wieder heftige aber auch lustige Szenen. Keine Lust grade alles zu beschreiben. Wir schauen nochmal in die Disse. Eine kleine Gruppe die Junggesellinenabschied feiert, tanzt sehr wild im Kreis. Wir haben den Plan die Gruppe zu sprengen indem wir wie Besoffene inmitten der epileptisch wackelnden Weiber selbst herumtanzen. Der einzige der sich dann verstellen müsste, wäre ich. Eine hübsche Kleine wird daraufhin ziemlich stark von einem Kumpel bedrängt, der sich auf alle Weiber einmal fallen lässt. Sie geht weg und tanzt in einer Ecke alleine. Ich sage ihr dass sie wieder zu ihren Freundinnen gehen soll, ich passe schon auf, dass er nichts macht. Sie berührt mich am Hals und redet kurz mit mir. Ich schicke sie zum tanzen und lehne mich an die Bar. Dann sage ich “Wenn ich schon auf dich aufpassen soll, musst du wenigstens besser tanzen.”, “Was?”, “Du tanzt als ob du Steine in den Schuhen hättest. Das kannst du besser, komm.”, “Ich krieg ja kein Geld dafür.”, “Du unterhältst mich. Das sollte dir mehr wert sein als alles Geld der Welt.” Sie dreht sich weg, tippt was in ihr Handy und tanzt dorthin wo ich sie nicht mehr sehen kann. Leichtes Dominanzverhalten zeigen und necken ist nice. So sortiert man den Großteil des beschädigten Materials von den selbstbewussten Damen.
Auf dem Heimweg kommt einem Kumpel folgender Gedanke: “Was denkst du wie die Leute reagieren wenn man einfach zu einem hingeht, wie ein Zombie geschminkt und jemanden voll in den Hals beißt, bis Blut spritzt. So richtig krass. Und ihr erschießt mich dann. Diese Massenhysterie, stellt euch das vor! Die müssen ja denken, dass es echt Zombies gibt! Das müssen wir ausprobieren!” Kurz darauf hält er sich wirklich für einen Zombie und humpelt allen Weibern hinterher um ihr Hirn zu fressen. Der andere Kumpel schlägt die ganze Zeit auf ihn ein, damit er aufhört. Zwei durchgestylte Kerle werden auf uns aufmerksam. Einer von ihnen sagt: “Du! Hör auf ihn zu schlagen.” Wir erklären ihm das ganze, auch wenn’s bescheuert klingt. Zombiekumpel fragt “Eh, woher kommst du?”, Er sagt irgendwas mit “español.” Er fragt ihn im gebrochenem spanisch von welchem Fußballverein er Fan ist. “Madrid.”, “Eh, puta Madrid!” Der Spanier grinst und sagt “Arschloch.” Die Stimmung ist sehr entspannt. Er verabschiedet sich von jedem von uns mit einem High-Five und wiederholt mein “buenas noches”.
Der Zombie wütet weiter. “Leck mich am Arsch, du Arschloch!”, schreit ein weglaufendes Mädchen das dabei telefoniert. Eine Gruppe hinter uns lacht sich kaputt. “Die Pillen hätt ich auch gern!”, “Nee, die willst du nicht. Davon wirst du impotent.” Eine Tussi sagt: “Schon erlebt, was?”, “Willstes spüren?” Gelächter. Zombie schaut zu ihnen “Hirn fressen! BRAAINSSS!!!!”, “Vergiss es. Wenn du Hirne willst ist das die falsche Zielgruppe.” Imbiss Bronko Zitate. “Is’ das’n Ossi?”, “HEY!!! DU IM ROTEN HEMD!”, “Wir sind noch beim Sie, Kleines.”, “Aber dir geht’s schon noch gut, oder?”, “Ging es, bis ich deine nervige Stimme hören musste.” Gelächter. Ein paar Schritte weiter schreit sie von ziemlich weit hinten nochmal. “DU IM ROTEN HEMD!”, “SIE IM ROTEN HEMD, KLEINES. SIE!”, “KANNST DU UNS FOTOGRAFIEREN?” Ich hätte sie den weiten Weg zu mir kommen lassen sollen um zu sagen “Nö.” Stattdessen rufe ich: “Bin gelernter Aktfotograf, bitte tu mir das nicht an” und gehe weiter. Der Zombie-Amoklauf wird fortgesetzt. Sich mit einem Kumpel prügeln. Ihn einen netten Jab in den Magen verpassen ohne vorher abbremsen zu können. “Sorry, du bist mir reingerannt.”, “Ah fuck, warum tut das so weh?”, “Scheiß drauf, hau mir auch eine rein.”, “Ich bin besoffen, morgen hab ich’s vergessen.”, “Jetzt SCHLAG MICH!”, ich schubse ihn, er fällt gegen einen Bauzaun. “SCHLAG MICH!!!”





krank!
Und leider auch ansteckend, also nicht zu nah hingehen.