Beiträge vom 14. Mai 2009

Schmerz lass nach

Donnerstag, 14. Mai 2009 | Autor: Roger B. Nigk

Es geht nochmal um den von Polizisten erschossenen Bekannten von mir. Ich habe ein paar Artikel darüber gelesen, mit ein paar seiner Freunde gesprochen und bemerkt, dass unter anderem im Internet ein paar heftige Diskussionen zu finden sind, vor allem im bayerischen Sektor eines einschlägigen Bullenhasser-Forums. Nette Ansätze. Ihr wisst, ich bin ein Befürworter von Chaos auf der Straße. Brennende Bonzenautos, eingeschlagene Schaufensterscheiben, alles cool, solange niemand verletzt wird. Ein wenig uncooler, weil Menschen verletzt werden, geht es im Ausland zu. Kaum wird ein Student von Bullen erschossen, wird der Asphalt aufgerissen und das Weltinnere nach außen gestülpt. Klar, dass sich das hierzulande niemand traut. Langweilig.

Ehrlich, es gibt viele Pressemeldungen, über die ich kotzen könnte. Das Opfer wird zur Gottheit erhoben, die Polizei wird absolut verteufelt und alle Bullen gehören ja sowas von in den Arsch gefickt, bla, bla, bla. Meine Meinung zu dem Thema möchte niemand wissen. Trotzdem will ich jetzt laut denken, nur um am nächsten Tag vielleicht alles wieder zu verwerfen. Diesen Blog-Beitrag werde ich dennoch stehen lassen, egal wie sehr sich meine Ansichten dazu ändern werden.

Okay … er streitet sich mit seinem Mitbewohner wegen einer Kleinigkeit. Die Sache eskaliert und er greift zum Messer, um angeblich zuerst seinen Mitbewohner und dann sich selbst umzubringen. Er komme “mit seinem Leben nicht klar” und laufe “Amok”, so wurde der Mitbewohner zitiert, nachdem er aus einem Fenster (?) flüchten konnte und sich im naheliegenden Solarium am Telefon bei der Polizei ausheulte.

ZEHN Streifenbeamte traben an. Sie finden den emotional sehr verwirrten Menschen mit dem Messer in der Hand im Treppenhaus. “Erschießt mich doch!”, schreit er und geht auf die Beamten zu. Pfefferspray los! Das Zeug zerfickt dir die Augen, wenn man gut trifft. Gehen wir aber mal spaßeshalber davon aus, dass unser angeblicher Angreifer keinen Schmerz verspürt, sei es durch unerschöpfliche Adrenalinquellen oder eine nervliche Störung, die das Schmerzempfinden beeinträchtigt. Selbst unter extremen Schmerzen ist im Grunde genommen JEDER Mensch mit einem Messer noch gefährlich. Durch das Pfefferspray – sogar mit stinknormalem Wasser ist das möglich – wird seine Sicht zusätzlich noch stark eingeschränkt, weshalb er halbblind mit dem Messer herumschwingt und wirklich alles und jeden treffen kann. Das macht ihn gefährlich, aber auch verletzlich. Man bekommt unweigerlich Zeit zum Nachdenken, kann Entwaffnungsschritte planen. Wahrscheinlich waren die Beamten aber so geschockt davon, dass er noch immer kampfbereit war, dass sie sich gegenseitig die Rückzugmöglichkeit versperrten. Ich spreche nicht vom Rückzug im Sinne von “Schwanz einziehen”, sondern im Sinne von “Distanz gewinnen um nicht aufgeschlitzt zu werden”.

Einer von ihnen schwingt nun wagemutig den Schlagstock, trifft in seiner Nervosität aber nur den linken Arm des Messerhelden, statt den gefährlichen rechten. Dies bedeutet, dass zuordbarer Kontakt zwischen Polizist und Angreifer hergestellt wurde. Der Angreifer ist wieder brandgefährlich, da er nun mit Sicherheit weiß, dass da jemand vor ihm steht und ihn wahrscheinlich sogar mit seiner freien Hand ertasten kann. Daraufhin wird der Polizist vom schmächtigen Angreifer so sehr bedrängt, dass seine Polizeikollegen das Feuer eröffnen, weil sie in diesem Moment keine andere Möglichkeit sehen, die Gesundheit ihres Kollegen zu erhalten. Gehen wir davon aus, die ersten Schüsse gehen in die Beine. HAHA! Der Typ hält das Messer nicht mit den Beinen, also bleibt er weiter gefährlich (ein guter Ansatz ist es trotzdem). Es gibt bestätigte Vorfälle, in denen KO-gegangene Messerkämpfer ihre Waffe selbst im bewusstlosen Zustand festhalten konnten, weil sich die Muskeln der Hand derart verkrampften (ich habe den Bericht über einen erschossenen Guerilla-Kämpfer im Kopf, der seine Machete bis in den Tod nicht losließ). Gehen wir aber mal nicht davon aus, dass die Polizei nur danach ging, ob er das Messer festhält. Wir nehmen an, dass er wirklich weiter angreifende Stichbewegungen durchführte. Er stochert weiter in der Luft herum, angeschossen. Der Beamte steht dem Aggressor noch immer gegenüber, ohne Möglichkeit zur Flucht. Tut mir Leid, wer den Messertypen kennt weiß, dass der wirklich kein Fleisch auf den Rippen hatte. Der Polizist war aber trotzdem nicht in der Lage, wenigstens seine gefährliche Hand festzuhalten und das Messer von sich wegzudrücken, sodass seine Kollegen hätten einschreiten und Griffhebel ansetzen können. Wie armselig! Natürlich habe ich von meinem bequemen Stuhl vor dem Laptop gut reden. Ich war nicht dort. Es ist aber eigentlich Job der Polizei, mit angemessener Härte einzuschreiten. Laut Obduktionsbericht verfickte 12 (!) Schüsse, die trafen, sind da zu viel des Guten. Von angemessener Härte ist hier nichts mehr zu spüren. Es war einfach eine extrem brutale Art einen psychisch kranken Mann möglichst leicht aus dem Weg zu schaffen. Dass sein Körper überhaupt genügend Platz für so viele Kugeln hatte, wundert mich schon. 12 Schüsse … da durfte wohl jeder Bulle mal ballern, häh? Nicht missverstehen, es wurde öfters geschossen als 12 mal, denn nicht jede Kugel traf auch ihr Ziel, wie man heute noch am Tatort sehen kann. Er kommt ins Krankenhaus und stirbt.

Versetzen wir uns nochmal kurz in die Lage der Polizisten:

Sie haben Angst. Sie haben Familie, Kinder, die sie am Feierabend gerne in ihre Arme schließen würden. Sie verfügen nur über eine unzureichende Nahkampfausbildung. Sie müssen handeln, ein Kollege ist in Gefahr. Ihre Angst lähmt sie, aggressive Überwältigungsmanöver sind motorisch nicht mehr durchführbar, wurden nie gelernt oder sind in Vergessenheit geraten (regelmäßiges Training, ich bezweifle, dass das polizeilich gang und gäbe ist; jeder Türsteher wird im Kampf besser ausgebildet als Polizisten). Sie handeln mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, welche sie in dieser unglaublichen Stresssituation noch halbwegs handhaben können: Pfefferspray (versagt), Schlagstock (eine großartige Waffe, die Beamten sind aber überfordert damit) und Knarre (leicht zu bedienen, kann auch unter Umständen ihren Dienst verrichten wenn man zittrig ist). Sie ballern ihm in die Beine. Ich wette mit euch, hätten sie ihm notwendigerweise seine Haxen komplett zerschießen müssen, damit er das Messer loslässt, wäre das kritische Geschrei auch groß gewesen, selbst wenn er es überlebt hätte. Beine helfen nix, sie schießen in die Arme. Dabei geht ein Schuss zufällig ins Herz. Oder absichtlich. In diesen Bruchteilen einer Sekunde muss man einfach reagieren. Irgendwie. Er lässt das Messer nicht los, ist damit eine potentielle Gefahr. Scheiße, man geht nicht mit einem Messer auf Bullen los! Das ist wohl überall auf der Welt ein Spiel mit dem Tod, provozierter Selbstmord, wenn man so will. Als Mensch muss man in dieser Situation sein Leben verteidigen. Der Angreifer war kein geübter Messerkämpfer. Selbst wenn er NIEMANDEN hätte umbringen oder ernsthaft verletzen wollen, es hätte bei einem Angriff verdammt leicht passieren können. Dazu reicht ein stinknormales Brotmesser. Ich finde es in Ordnung gegen einen Messerangriff die Hölle auf die Straße zu holen, um da lebend rauszukommen. Jeder, der nicht in dieser Situation war, wäre sicher froh gewesen, wenn jemand den Kerl aufgehalten hätte, der wichswild mit nem Messer auf einen zuläuft. Auf so engem Raum wie einem Treppenhaus - vergesst nicht, die Bullen waren so blöd und haben sich bestimmt die Fluchtwege selbst versperrt - braucht es radikale Mittel. Und ich denke mal, dass JEDER von Ihnen einen Schlagstock hatte. Jeder, der mal auf einer Hauptschule war und gesehen hat, wie drei Russen einen anderen Typen am Boden einstiefeln, weiß, wie das zugehen kann, wenn man sich gegen eine Überzahl wehren muss. Wow, ich stelle mir grade vor wie sie alle auf ihn einprügeln, so wie das in Amerika ab und an Schwarzen passiert. Da wirken Energien, in denen man ein Messer einfach fallen lassen muss, selbst wenn man keinen Schmerz spürt. Aber naja, in Regensburg is’ nie was los und der Schießstand ist nicht so geil wie lebende Ziele, gelle?

Weiter gedacht: Selbst zu einer gemeinsamen Schlagstockattacke hätte es nicht kommen müssen. War bekannt, dass sich sonst niemand im Haus befand? Wurde das in Erfahrung gebracht? War noch jemand gefährdet? Ich wette mit euch, hätte man die Ausgänge überwacht und eine Stunde gewartet, er wäre weinend in einer Ecke gesessen. Vielleicht mit offenen Pulsadern, doch man hätte ihm eher helfen können als mit 12 Kugeln im Körper.

Wie traten sie ihm im Treppenhaus gegenüber? Schrien sie ihn an? “MESSER FALLEN LASSEN, SOFORT!” Hey, das würde sogar mich anpissen von Bullen so angemacht zu werden. Wenigstens “bitte” könnte man sagen. Haben die Polizisten mit ihren Waffen gedroht? Haben sie sie auf ihn gerichtet oder, als er nicht mehr richtig sehen konnte, laut und deutlich geschrien “WEG MIT DEM MESSER ODER ES WIRD GESCHOSSEN!” Wäre das der Fall gewesen, muss man akzeptieren, dass da jemand im Affekt wohl sterben wollte. Über Sinn und Unsinn muss man nicht diskutieren, darüber, ob sie wirklich hätten schießen sollen, genauso wenig, doch es hätte ihm eine Chance gegeben sich zu entscheiden: Tod oder Leben? Er war alt genug das selbst zu entscheiden. War er psychisch so zerfickt, dass nicht mehr er selbst, sondern eine andere Persönlichkeit für ihn entschied, ist das natürlich was anderes. Hinweise darauf, dass er psychische Probleme hatte, gab es genug. Selbst ich wusste darüber Bescheid, sah mich aber für sein Seelenleben nicht zuständig. Warum auch? Mein Freund war er nicht. Große Mitschuld trägt jeder, der sich sein Freund schimpfte (Mittelfinger an seine Freunde). Familie wollen wir nicht ausklammern.

Jetzt, wo er tot ist, wird er in den Himmel gelobt. Er war ja so ein toller Kerl! Anscheinend nicht toll genug, als dass man ihm geholfen hätte, als er wirklich Hilfe brauchte. So ein Messerangriff kann nur aus etwas entstehen, das sich über sehr lange Zeit aufgestaut hat. Ein toller Kerl war er trotzdem für alle! Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen und “keine Videospiele” (super Argument; Mittelfinger an den Pressetypen). Was bedeutet das jetzt? Hey, shit, man dreht durch, wenn man nicht säuft, nicht raucht, nicht kifft und keine Ballerspiele zockt, FUCK! Ich sollte die vielen Senioren in der Stadt echt besser im Auge behalten, nicht dass ich mal von nem Rollstuhlfahrer tödlich überfahren werde.

Ich zitiere einfach mal weiter: In einem Internet-Artikel heißt es: “zeigt euer Beileid den Angehörigen, und eure Wut gegen diesen willkürlichen Staat!!!!” Mittelfinger an dich, du Pappnase. Willkürlicher Staat, Fotze, fick dich. Da werden schön irgendwelche Punk-Lieder zitiert, ohne Sinn und Verstand.

“Er war ein überaus sensibler Mann in einer Lebenskrise, die typisch ist für kreative Menschen. Was ist Wahrheit, was ist Liebe? Wohin geht mein beruflicher Weg”. Öhm ja, das fragen sich sehr viele Menschen in Deutschland, einschließlich mir, und trotzdem gehen wir auf niemanden mit einem Messer los.

Die “Hinterbliebenen schildern ihn als Asketen, als spirituellen Typen mit feinen Antennen für die Umwelt.” Tja, das haben wir gesehen wie fein diese Antennen waren. Fein genug, um ein Messer zu halten und es gegen Menschen zu richten.

“Er wollte Musiker werden. Im Juli hätte er Prüfung gehabt. Er hatte schon eine Stelle als Lehrer für Gesang und Klavier in der Musikschule (…), wollte danach auf die Schauspielschule.” Wow, also für mich klingt das alles andere als hoffnungslos. Da hatte jemand die Möglichkeit in dem Bereich Karriere zu machen, den er anscheinend sehr geliebt hat. Hätte es ihn am Leben gehalten, ich hätte gerne mit ihm getauscht. Und ich wär dann auch nicht so blöd gewesen mir auf dem Gesicht eines Polizisten ein Brot schmieren zu wollen.

Ein längeres Zitat: “Studenten der Fachhochschule hatten vor der Aussegnungshalle ein Spruchband entrollt, mit dem sie ‘gegen die Repression’ demonstrierten. ‘Tod eines Studenten. Kein Verstehen. Kein Vergessen’, stand auf dem Transparent. Die Studentin XXX begründete die Protestaktion auf dem Friedhofsgelände mit den Worten: ‘Einer von uns ist ums Leben gekommen. Wir wollen Aufklärung und ein Zeichen setzen, in dem wir seiner gedenken.’ ” Repression? Häh, was? Versteh ich nicht. Dann “Tod eines Studenten”, super. Habt ihr irgendwo schon mal “Tod eines Maurers” oder “Tod eines Buchbinders” gelesen, wenn der Beruf nichts direkt mit dem Mordfall zu tun hatte? Vielleicht in ner BILD-Zeitungsüberschrift. Wen zum Fick interessiert’s ob er Student war? Das “Student” lieber streichen, um mehr Platz auf dem Transparent zu schaffen, damit dem doofen Normalbürger wie mir erklärt werden kann, was Repression bedeutet.

Vater und Bruder des Verstorbenen haben sich nun einen bekannten Anwalt genommen. Ich habe von zwei Anwälten in der Region gehört, die die Eier haben skrupellos und knallhart gegen Polizisten vorzugehen und sich dabei auch nicht blöd anstellen. Eine Nebenklage war das einzig richtige. Ich meine zu wissen, dass das auch die einzige Möglichkeit ist Einsicht in die Akten zu nehmen. Nur dumm, dass diese Bullensäue sich gegenseitig decken werden. Ein Nestbeschmutzer, der die Wahrheit auspackt, wird da auch nichts bringen. Ich wünsche den beiden wahnsinnig viel Glück, damit das ganze lückenlos aufgedeckt wird, so wie es wirklich war. Wie schmerzhaft das alles für sie sein muss, wissen wohl nur sie selbst.

Ich muss jetzt aufhören. Mir gefällt mein Blog-Beitrag schreiberisch nicht. Ich werd immer mehr zum schreiberischen Stümper.

Thema: In sich gekehrt, disrespects | 5 Kommentare