Beiträge vom 11. Mai 2009

Pfefferspray & Schlagstock

Montag, 11. Mai 2009 | Autor: Roger B. Nigk

“Ich ruf dich an weil ich … weil ich drüber reden will und du ihn ja auch kennst.”

Mir scheißegal ob es Leute gibt die wissen über wen ich jetzt schreibe. Mir scheißegal ob das diese Leute jetzt tierisch ankotzt. Ich werde seinen Namen nicht nennen, aber ich werde schreiben was ich darüber denke.

Ein guter Kumpel hat mich angerufen. Es ging um seinen früheren Mitbewohner mit dem er ein volles Jahr zusammenlebte. Ich durfte diesen schrulligen Typen und auch seine Mutter an einem sonnigen Tag in der Wohnung kennenlernen, in der alles passierte. Sicherlich vergaß er meinen Namen schnell, ich merkte mir dafür seinen und rief ihn grüßend aus wenn ich ihn auf der Straße traf. Man unterhielt sich dann jedes Mal, schüttelte sich die Hand zum Abschied und ich grinste, weil ich seine indirekten Versuche, meinen Namen nochmal herauszufinden, gut abblockte. Vielleicht konnte man sich nicht leiden, aber man akzeptierte sich, blieb freundlich und nett.

Wie soll ich ihn beschreiben? Geht nicht. Er war eigenartig. Auf diese Weise eigenartig wie die Pausenbox-Schnullis die in der Hauptschule tagtäglich auf die Fresse bekamen. Musikalisch sehr aktiv war er. Ob talentiert vermag ich nicht zu beurteilen. Ich sah ihn einige Male im Proberaum in dem auch ich spielte und hörte ihm bei Aufnahmen zu. Nicht meine Musik. Er war in Psychotherapie, brach diese jedoch nach einiger Zeit ab. Wusste man um seinen Musikgeschmack und sah man wie sehr er einen großen Bogen um Alkohol, Zigaretten und anderen Drogen machte, konnte man sich nicht vorstellen dass so einer depressiv oder sonstwie gestört sei, anders als der Rest im Proberaum-Keller. Komisch dass gerade ich das sage, aber vielleicht hätte er ab und an mal einen Durchziehen müssen und das was ich euch jetzt schildere wäre wahrscheinlich nie passiert.

Fragt mich nicht warum, aber dieser Kerl flippt aus und verkracht sich mit seinem neuen Mitbewohner in der gemeinsamen Bude. Er zieht ein Messer und greift an. Der Mitbewohner flüchtet und ruft die Bullen. Drei Beamte treten die Tür ein. Im Treppenhaus wildes Geschrei. Der Wichser richtet das Messer gegen die Polizei, wird sehr aggressiv. Pfefferspray kommt zum Einsatz. Er lässt das Messer nicht fallen, stößt auf die Polizisten zu und sie schießen auf ihn. Er sackt zusammen. Stirbt. Das ist die Story wie ich sie von meinem Kumpel gehört habe, welcher sie wiederum von einer engen Freundin des Opfers erzählt bekam. Sie deckt sich nicht ganz mit diesem Link hier, doch was soll’s.

Ich versteh’s nicht. Ehrlich, ich versteh’s nicht. Drei Bullen mit verficktem Pfefferspray und Schlagstöcken. Keiner von ihnen kann was gegen ihn ausrichten ohne zu schießen?! Der Typ war ein halbes Hemd! Nichts was man nicht mit ein wenig Kampfausbildung locker hätte umhauen können. Ich versteh’s nicht. Was für fette Schreibtisch-Kojaks wurden da zum Einsatz geschickt? Natürlich war das für alle Beteiligten eine wahnsinnig heftige Stresssituation, das will ich nicht leugnen, nur … ich kenne den Typen und man hätte ihm drei Messer geben können, er hätte nicht einmal für zwei Polizisten ein Problem darstellen sollen! Sein dürrer Arm ist in zwei Sekunden gebrochen, sein tollwütiger Kampfgeist eine halbe Sekunde später. So sehr ich es auch will, ich kann es mir nicht vorstellen dass er Schlagstockhieben standhalten konnte. Pfefferspray kann überwunden werden, das weiß ich, doch selbst das kommt mir unwahrscheinlich vor. Bevor mein Finger zum Abzug gegangen wäre, hätte ich die beschissene Pfefferspraydose im Hals dieses Idioten ausgeleert!

Jetzt ist dieser Idiot nicht mehr am Leben. Demnächst wird er begraben, mit ihm seine Ängste, sein Schmerz und seine Hilflosigkeit in all seiner Verzweiflung. Was auch immer mit ihm nicht stimmte, jetzt kann ihm keiner mehr helfen. Diejenigen die ihn niederschossen werden noch lange daran denken, sie werden sich selbst verfluchen und oft davon träumen. Und vielleicht sehen sie in diesen Träumen die Augen des jungen Mannes, der die Hilfe gebraucht hätte, die er sich selbst nicht geben konnte und wollte.

Nicht selten stelle ich mir Fragen die niemals eine zufriedenstellende Antwort haben werden. Zu 98% beginnen sie mit “Warum”…

Meine Gedanken sind bei den Angehörigen des Verstorbenen, denen ich für die kommende Zeit viel Kraft wünsche.

Thema: In sich gekehrt | 2 Kommentare