Blut ist dicker als Wasser
Samstag, 25. April 2009 | Autor: Roger B. Nigk
Eigentlich habe ich seit 1 Uhr früh einen anderen Blog-Beitrag in Arbeit (selbst im Traum tippe ich noch weiter an diesem scheiß Ding). Jetzt gerade aber habe ich eine kleine Fortführung für “Ruhig Blut” in petto, inspiriert durch einen nachbarschaftlichen Streit, den meine Oma gerade draußen auf dem Parkplatz führt.
Der Tod meines Opas setzte meiner Oma sehr zu. All die damaligen Freunde mit denen mein Opa sein Leben verbrachte und die sich während seiner schweren Krebserkrankung durch verschiedene Vorfälle nicht als ehrbare Weggefährten erwiesen, sind seit längerem rotes Tuch für sie. Ich kann es verstehen. Ob sich eine Frau mit fast 80 Jahren und Blutdruckproblemen so extrem aufregen sollte wie sie’s tut, ist fraglich.
Soeben hat sie sich mit einem Nachbarn gestritten, weil dieser mit seinem Auto den Parkplatz verschmutzte und sie sich dazu verpflichtet sah, das wegzuwaschen. Ich hörte vom Fenster aus irgendetwas bezüglich Wasserrechnung. Keine Ahnung um was es genau ging. Jedoch weiß ich dass meine Oma schnell emotional werden kann und der Nachbar mit dem sie stritt, sehr laut und aufbrausend. Ich ging ans Fenster und sagte dem schreienden Herrn dass er doch bitte ruhiger diskutieren solle. Er lebt schon länger als ich hier in Deutschland, kann aber nur sehr schlecht Deutsch. Aus irgendeinem Grund verstand er, dass ich – um 12:45 – schlafen wolle und es nicht kann, weil er so viel Lärm fabriziert. In gebrochenem Deutsch und mit wilder Pantomime entgegnete er mir, dass ich beim Schlagzeugspielen selbst so laut sei, dass er nie ein Mittagsschläfchen halten könne. Erstens spielte ich nie um die Mittagszeit herum, sondern stets zu den erlaubten Zeiten, für ein paar wenige Minuten. Zweitens habe ich dieses Schlagzeug weit weg in eine andere Räumlichkeit verlegt, wo sie niemanden stört. Drittens hat das gar nichts damit zu tun dass er gefälligst ruhig und respektvoll mit einer alten Fraun reden soll, vor allem weil sie ja auch meine Oma ist und an sie lass ich normalerweise nichts kommen. Er verstand also nicht was ich sagen wollte, aber wenigstens schaffte ich es durch meine Anwesenheit dass er verschwand und meine Oma mit seiner Frau allein ließ, die die ganze Zeit dabeistand. Sie kann zwar auch kein Deutsch, aber sie argumentierte wenigstens im ruhigeren Ton, wohingegen nun meine Oma durch aufbrausendes Verhalten auffiel. Natürlich ließ ich auch das nicht unkommentiert und bat meine Oma gelassener zu sein, liegt jedoch durchaus im Bereich des Möglichen, dass auch sie mich nicht richtig verstand. Lange Rede, schwuler Sinn:
Wir Menschen sind die Bomben im kommunikativen Krieg. Jeder von uns ist eine Bombe. Manche sind nur kleine Kracher, andere reißen Krater wie Atombomben und alle werden wir über eine Lunte gesprengt. Die ist bei jedem von uns unterschiedlich lang und wird von unserem Gesprächspartner/Mitarbeiter/Vorgesetzten meistens unabsichtlich angezündet. In vielen Situationen wird die brennende Lunte vor dem großen Knall noch gelöscht, oft aber auch nicht. Wir fahren aus unserer Haut und veranstalten ein wahres Feuerwerk, mitten ins Gesicht unseres Gegenübers. Unter Einbezug unseres gesunden Menschenverstands – der bei jedem mehr oder weniger vorhanden sein sollte – müssten wir erkennen, dass das nicht der richtige Weg ist.
Wie wir Menschen gerne unsere individuellen Eigenheiten bildlich gesprochen vor anderen rechtfertigen: Wir sagen dass wir nicht darüber bestimmen können wie lang unsere Lunte ist und wie viel Sprengstoff wir in uns haben. Das ist grundauf falsch. Wir können wahnsinnig viel Sprengstoff in uns bunkern, dessen Sprengkraft aber niemals vor einem anderen Menschen entladen, weil wir unsere Lunte unter Wasser verlegt haben. Die dicken Funken anderer zischeln nur kurz auf der Wasseroberfläche. Aufgestautes, innere Aggressionen können wir so selbstständig entladen, wann immer wir wollen. Wir machen Kampfsport-Training und prügeln auf den Sandsack ein. Wir gehen ins Fitnessstudio und verausgaben uns an den Gewichten. Wir schwingen uns aufs Rad, ziehen uns die Laufschuhe an, holen unser Tagebuch raus, schreiben einen Song oder was sonst noch alles. Wir explodieren, aber so richtig! Und keiner kommt zu Schaden, niemand fühlt sich schlecht dabei.
In welchen Situationen verlegen wir unsere Lunte durch die trockensten Wüstengebiete und verfolgen mit erregten Augen den Weg der brennenden Lunte bis in den Sprengkörper? Bestimmt nicht selten, so geht es mir auch. Nur können wir alle Tag für Tag, Minute für Minute an uns arbeiten, uns bessern. Für ein friedvolles Miteinander. Und vielleicht können wir lernen unser gleich explodierendes Gegenüber z. B. mit einem Lächeln zum Abrüsten zu bewegen. Einen Versuch ist es wert.
Niemals aufhören die richtigen Umgangsformen zu finden, zugeschnitten auf jede Bombe mit der wir zu tun haben. Manchmal heißt das kurz auf den Tisch zu hauen. Manchmal heißt das, die waffenlose Hand freundschaftlich auszustrecken. Aber immer heißt es, zu lächeln und ruhig zu bleiben. Probieren wir’s aus.





Sonntag, 26. April 2009
Das ist manchmal so sau schwer, zu lächeln und ruhig zubleiben. Aber man könnte ja eine Kunstform draus machen. Ich stell mir da so eine Computersimulation vor: Du schreist das virtuelle Gesicht an und je heftiger du bist, desto netter lächelt das Scheißgesicht dich an. Das machst du so ein paar Minuten und irgendwann verwandelt sich das lächelnde Gesicht in ein schmerzverzerrtes Gesicht und das ganze trägt die Überschrift: Das Magengeschwür.
Sonntag, 26. April 2009
Den Vergleich mit den Bomben fand ich übrigens klasse!
Sonntag, 26. April 2009
Zum Magengeschwür wird das Lächeln sicherlich, wenn man alles in sich zurückhält und den Schreihals vor sich weiter wüten lässt. Für mich bedeutet das Lächeln eher, dass man die gegebene Situation annimmt, vielleicht ein wenig Verständnis für den anderen aufbringt und einfach entspannt genug ist, um sich dem Problem angemessen zu stellen. Eine Gefahr birgt ein mündliches Lächeln dennoch: Mein Chef z. B. könnte total ausrasten wenn ich dumm grinse. Dann lächle ich halt mit den Augen oder mit meiner Seele oder was auch immer. Aber immer lächeln
Danke für das Kompliment. War auch ganz stolz auf das Bomben-Ding. ^^
Dienstag, 28. April 2009
Ohje. Was für’n Thema.Ich raste manchmal komplett aus, wie eine Wilde, schlichte aber bei anderen immer mit furchtbar vorbildlicher Vernunft. Lalala…
Donnerstag, 30. April 2009
Ich bin ein Freund des cholerischen Anfalls! Auch bei anderen! Es hat sowas prickelndes wenn es hochkommt – und dann schäumt es wie Waldmeisterbrause… und danach klebt a-a-alles!
aber Sie haben natürlich recht… & sehen Sie nur, wie lange ich geduldig auf eine neue Umfrage gewartet habe, obwohl ich die Veränderung der alten schon VOR MONATEN angemahnt habe
Donnerstag, 30. April 2009
Sherry, irgendwie habe ich beim Schreiben der letzten zwei Einträge nur an Männer gedacht. Ich halte es für eine männliche Tugend in krassen Momenten ruhig zu bleiben, die Kontrolle zu bewahren (und das kosmische Gleichgewicht wieder herzustellen
. Frauen die “ausrasten” finde ich irgendwie … nunja … “sehr ansprechend”, nicht im Sinne von Reden sondern von, öhm ja…
Herr Sub-Surreal, solche cholerischen Anfälle habe ich auch manchmal, mein Urologe hat aber gesagt ich solle etwas “kürzer” treten.
An Sie habe ich gedacht als ich endlich eine neue Umfrage ins Netz schickte. Vor allem weil ich mir dadurch auch das erste “Ja” erhoffte. Dann wäre das kosmische Gleichgewicht inzwischen wieder vorhanden, Sie wissen schon (1 – 1 – 1 wäre der aktuelle Stand).
Donnerstag, 30. April 2009
Es tut mir leid, dass ich mal wieder das kosmische Gleichgewicht geschnitzelt habe. Aber meine Antwort war selbstredend, dass ich keine Ahnung habe, was ich mal machen will…. (ich weiß nicht mal genau, was ich jetzt mache… mache ich eigentlich was?!?)
Donnerstag, 30. April 2009
Achso, Sie haben schon gevotet? Na dann passt’s! Damit sind wir dem kosmischen Gleichgewicht ein Stück näher. Muss halt nur noch ein kosmischer Glückspilz für “Ja.” stimmen und meine traumlosen Nächte haben ein Ende.
Ist mal wieder mehr als überzeitigt, dass ich Ihnen eine eMail schreibe. Wollt ich schon lange mal tun, falls es Ihnen genehm ist. Aber nicht heute. Und morgen muss ich nach Berlin, alljährlicher Mai-Krawall.
Freitag, 1. Mai 2009
Nigk, “öhm ja”, nun hm jah! Ich verstehe. ;o)
Ich habe einwenig nachgedacht. Es sieht folgendermaßen bei mir aus: Geht es um mich, wird mir Unrecht getan, kann ich recht lange äußerlich ruhig bleiben, wobei ich innerlich zu Tode betrübt und wütend bin (je nach Person). Oft kommt es vor, dass ich unfreundlichen, leicht fremdenfeindlich angehauchten Mitmenschen dann mit einem sehr ruhigen Klugscheißerin-Gerede komme und sie innerlich dadurch zum kochen bringe, indem ich ihnen demonstrativ auf die Nase binde, dass meine Rhetorik bei weitem besser ist als ihre. Ich weiß, das ist nicht der Sinn Deines Beitrages, denn meine “ruhige Aktion” dient noch immer dazu, jemanden zu ärgern, aber naja, ein Anfang ist es ja.
Greift jemand aber meine Familie an oder irgendwelche fremden Menschen, die mir in dem Moment aus irgendeinem Grund wehrloser vorkommen… Dann würde ich sagen, ich würde mich sofort verpissen, würde ich mir selber in so einer Situation begegnen. Tjaaah.
Gute Nacht.
Freitag, 1. Mai 2009
Oh, wenn das so rüberkommt muss ich meinen Beitrag noch ein bisschen modifizieren, ’cause:
Ich will mein Gegenüber nicht schonen, ich will mich durch “lächeln und ruhig bleiben” selbst in einen klaren Geisteszustand bringen, um mit den bestmöglichen Waffen zu kontern. Bedeutet dass mir eine Alpha-Position zu erkämpfen, versuche ich das mit sanften Mitteln. Dein “Klugscheißerin-Gerede” ist so ein Mittel, ein sehr gutes sogar.
Ich probier’s mal wieder bildlich gesprochen, kann aber sein dass ich total am Thema vorbeischreib:
Kampfsport. Wenn du verfickt aggressiv wirst unterlaufen dir Fehler. Kämpfst du nur gegen Schwächere, wirst du gewinnen, du hast aber unsauber gekämpft und wahrscheinlich auch brutal übertrieben. Kämpfst du gegen einen Gleichstarken oder Stärkeren, bringt dir die Aggression nichts, du machst zwangsweise Fehler in deiner Deckungsarbeit, ihr haut um euch und irgendwann trifft er dich böse. Außerdem giltst du in der Nachbarschaft als abgefuckter Schlägertyp. Ein scheiß Image. Also ruhig bleiben. Dein Gegner ist Aggro wie Sau. Kämpfe mit sanften Mitteln, bring den Gegner auf “den Boden der Tatsachen”, ins Cruzifix mit ihm und anfangen ruhig zu verhandeln. “Du kannst deine Arme nicht bewegen, du kannst im Grunde genommen jetzt gar nix. Ich kann dir das Gesicht übelst verbeulen oder wir bleiben ruhig und stehen wieder auf. Ich will nicht kämpfen, aber gerne mit dir reden.”
Das heißt: ein fremdenfeindlich angehauchter Arsch will dir verbale Fäuste ins Gesicht schlagen. Du streckst durch deine sprachliche Überlegenheit nur deine offene Hand aus, tätschelst seinen Kopf und kneifst ihn in die Wange, so wie man das bei Kindern macht. Hoffe man kann’s verstehen. ^^
Für alle die mitlesen noch ein Zusatz gegen Missverständnisse, unabhängig vom Kommunikationsthema: In einer echten Selbstverteidigungssituation sind sanfte Mittel natürlich total daneben. Da will dir wer ans Leder, hat eine zerbrochene Flasche in der Hand und macht Stichbewegungen an deinen Hals. In so einer Situation würde ich mit Sand schmeißen und Einrichtungsgegenstände auf seinen Kopf dreschen bis ich entweder die Möglichkeit habe den Wichser unschädlich zu machen oder abzuhauen (was KEINE Feigheit bedeutet). That’s life.
Freitag, 1. Mai 2009
Kopf tätscheln ist genau der richtige Ausdruck. Am besten stopft man ihnen noch lächelnd einen Lolli in den Mund.
Kampfsport. Am Coolsten fand ich immer, wenn Bruce Lee total kühl blieb während des Kampfes und seine Gegner vor Wut am rasen waren. Das ließ sie so lächerlich wirken. Ja, ich weiß, was Du meinst. Nur: Wie kriegt man Wut unter Kontrolle? Hast Du einen Tip?
Samstag, 2. Mai 2009
Vorerst sollte man verstehen dass ein gewisser Aggressionspegel oder besser gesagt ein gewisses Aggressionspotential durchaus wünschenswert ist. Wäre man die absolute Ruhe in Person, würde man alles über sich ergehen lassen und wäre rückgratlos.
Überschüssige Aggression, also Wut unter Kontrolle zu bekommen ist schwierig. Irgendwann reißt sie sich los. Es gilt sie gut dosiert und gezielt rauszulassen. Ins Kissen schreien, ins Kissen boxen, das Kissen werfen oder zerreißen. Ich habe halt das Rumgekloppe und meine anderen Hobbies. Den Rest krieg ich sehr gut mit tiefer Atmung weg. Die Luft durch den Körper strömen lassen und alles was sich aus Wut verspannt hat, wird weich.
Bruce Lee war lange Zeit mein Gott. Ich habe sehr viele Bücher über ihn gelesen, die Filme gesehen und alles in mich aufgesogen was über ihn berichtet wurde. Wie sagte er einst so treffend?
Sonntag, 3. Mai 2009
ich halte sex für guten ausgleich. wer nicht kann der legt selbst hand an sich.