Beiträge vom 19. April 2009

Ruhig Blut

Sonntag, 19. April 2009 | Autor: Roger B. Nigk

Wann haben wir uns das letzte Mal dabei ertappt, wie wir einen Mitmenschen – begründet oder nicht – anschreien oder zumindest in unmissverständlichen Worten klar machen, dass er bei uns ausgeschissen hat und eigentlich verprügelt gehört? Ich habe erst gestern jemanden aus meiner Familie gesagt, wie sehr ich angepisst bin von etwas, dass er zum wiederholten Male tat. Seine Gefühle durch den Mund strömen lassen und merken dass sehr schlechte Schwingungen von einem ausgehen. Ob das manchmal wirklich die richtige Wahl ist?

Ihr wisst vielleicht noch dass mein Studium gerade im Koma liegt, ohne Hoffnung jemals wieder aufzuwachen. Deswegen arbeite ich bei einer Werbeagentur. Die Wirtschaftskrise mal nicht nur aus den Nachrichten im peripheren Augenwinkel einzufangen sondern aus der Sicht eines mittelständischen Unternehmens hautnah mitzuerleben, ist wahnsinnig interessant und ermöglicht mir beeindruckende Charakterstudien. Mein Chef ist ein Networker schlechthin und hat einflussreiche Freunde, allesamt Unternehmer die nur noch zwei Schritte vom Abgrund entfernt sind. Einfach großartig. Menschen die eine gewaltige Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern haben, sie nicht entlassen wollen aber eigentlich müssten. Menschen die Tag für Tag mitansehen müssen wie ein unter großer Anstrengung aufgebauter Wolkenkratzer in kurzer Zeit brüchig wird und keiner sich retten kann weil die Türen durch die Krise von außen verrammelt wurden. Wie gut dass ich nicht in dieser zwickmühlenhaften Situation stecke. Ich bin der kleine beobachtende Parasit, der sich von dem Angstschweiß und den Verzweiflungstränen der Bonzen ernährt, die zwar beteuern wie sehr ihnen ihre Angestellten am Herzen liegen, am Ende aber doch nur um ihre eigene Existenz fürchten. Für die nächsten Jahre wäre ich kleiner abscheulicher Parasit eigentlich schon gesättigt, aber ich darf noch mehr schlemmen.

Mein Chef hat eine Persönlichkeit, die unter der reinen Fassade tief gespalten ist. Bis dato dachte ich, dass ich über ein gewisses Maß an Menschenkenntnis verfüge. Diese Ansicht hat er mir mit einer Handvoll Marienkäferurin trübe gemacht. Wie er so drauf ist will ich in diesem Blog-Beitrag nicht beschreiben. Ich möchte nur erwähnt haben dass er der Auslöser für das hier ist: Der Beginn einer inoffiziellen Serie die durch meine momentane Arbeitsstelle inspiriert wurde.

Die Vorderseite unseres Körpers nimmt alles auf was die Welt uns entgegensetzt, wie eine Parabolantenne die gesendeten Strahlen von Satelliten draußen im All. Sie geht von unserer Kopfspitze bis unter den Bauch. Beobachten wir uns kurz im eigenen Spiegel. Ist unsere Vorderseite entspannt? Atmen wir tief durch den Bauch? Vielleicht, weil der Monitor unseres PCs/Laptops zwischen uns und der realen Welt ein schützendes Schild bildet. Doch was ist …

Situation 1: … wenn wir draußen sind, vor dem Chef stehen der uns anschreit, vor der Lehrerin die uns ausfragen will oder einem Polizeibeamten der unseren Ausweis sehen möchte. Dann verkrampfen wir, sacken in uns zusammen um wenig Trefferfläche zu bieten. Unsere ganz oder nur teilweise angespannte Vorderseite wird zum Schild. Verständlich ist das schon. Wir sind in einer Stresssituation. Der falsche Weg ist es trotzdem.

Situation 2: Unser Mitarbeiter, unser Lebensgefährte, unsere kleine Tochter oder unser kleiner Sohn haben Mist gebaut. Die erste Reaktion ist es uns groß zu machen, von oben auf unser Gegenüber herabzublicken (selbst wenn wir körperlich kleiner sind geht das durch das Anheben des Kinns) und schlimmstenfalls wieder unsere Vorderseite anzuspannen und sie als Rammbock zu benutzen. Wie eingangs beschrieben machen wir den vermeintlichen Übeltäter zur Schnecke und verschaffen uns Luft.

Was wäre in den letzten zwei Absätzen zuvor beschriebenen Situationen die richtige Wahl gewesen? Im ersten Fall empfangen wir diese negativen Schwingungen. Anstatt zu verkrampfen sollten wir tief einatmen und die Luft bis in den tiefsten Bereich unserer Lunge strömen lassen. Wir atmen durch den Bauch und wo unser Atem den Körper passiert, sprengt er Ketten und Knoten. Das sollten wir immer so machen: Sobald wir eine harte Fläche in unserer Vorderseite bemerken, atmen wir sie weich. So werden wir aufnahmefähiger. Wir durchdringen die schwierige Thematik besser, können geeigneter reagieren und lassen uns nicht von wilden Gefühlen in eine Ecke drängen von der aus wir nichts mehr machen können als uns klein zu machen und unsere Treffefläche zu verkleinern. Aufrecht hinstellen, Schultern nach hinten, Brust raus, Kopf geradeaus, Gesichtszüge freundlich & entspannt, offene Haltung einnehmen, keine Angst haben, mit Spritzpistolen zurückschießen wo man mit Maschinengewehren auf uns feuern möchte. Wenn wir angebrüllt werden und unsere Entgegnungen nicht aggressiv oder verschüchtert sind, steht die Aggression des anderen auf einem sehr wackeligen Fundament. Das macht Spaß zu sehen wenn nach ein paar Tagen der Chef einen nicht mehr anschreien kann, weil jedes laute Wort von einem gepflückt und in eine rosa Vase gestellt wird. So möchte ich mich sehen: Meine Stirn legt sich nicht mehr in Falten, meine Augen weichen seinem Blick nicht aus, ich verschränke die Arme nicht vor mir, ich antworte höflich, bestimmt und selbstbewusst. Natürlich hat er seine Meinung und gegen die kann man nichts machen, aber man kann sich denken “Bist du fertig? Ich würd dann gern wieder an die Arbeit” und über das kleine Kind das ein Unternehmen führt lachen.

Was das zweite Beispiel angeht so sollten wir überlegen wie laute Anschuldigungen auf uns wirken. Wenn wir angeschrien werden, fällt es uns dann leichter an unseren Fehlern zu arbeiten? Vielleicht, weil wir Angst haben und/oder unter Druck gesetzt werden. Ist es wünschenswert unsere Mitmenschen dadurch zu ändern, indem wir versuchen sie wie Holzstücke mit scharfen Worten in die richtige Form zu schnitzen? Sicherlich nicht. Die Entfaltung eines Menschen sollte niemals etwas “abschneiden”, sondern wachsen lassen und zum erblühen bringen.

Wir sind Chef eines Unternehmens. Ein Mitarbeiter hat uns beispielsweise durch einen Fehler 3.000 Euro gekostet. Unsere erste Reaktion ist schreien. Halt! Die Vorderseite weich atmen und erst dann anfangen zu reden. Worin könnte der Fehler begründet sein? Sind vielleicht wir selbst schuld weil wir zu früh zu viel Verantwortung abgegeben haben? Oder ist der Kerl einfach ein totaler Vollidiot und nicht tragbar? Ruhig sprechen, eine Lösung mit ihm zusammen erörtern, sich nicht wie ein abgefuckter Oberlehrer aufspielen und pausenlos kommunizieren dass man selbst alles weiß und nur andere alles verbocken. Man wird schnell zum Oberlehrer wenn man als Chef nicht aufpasst. Zum Oberlehrer der keine Bodenhaftung mehr hat. Man wird auch als Elternteil schnell zum strengen Oberlehrer, bevor man seine Vorderseite weich macht damit sich das Kind später mal in einer Umarmung nicht wie in eine Ecke gepresst fühlt. Und bevor ihr denkt ich habe meinen Chef um 3.000 Tacken gebracht, nein, nein, das ist nur ein Beispiel. Das einzige Geld dass ich meinem Boss koste, ist mein monatlicher Prostituierten-Lohn von dem ich mir gerade mal alle drei Wochen einen Schuss setzen kann.

Selbst in grausamsten Zeiten die Ruhe bewahren, vollkommen entspannt sein und aus einem Lächeln sprechen. Ein erstrebenswerter Zustand für uns alle, jeden Tag und jede Sekunde.

Thema: In sich gekehrt | 4 Kommentare