Deftones – Be Quiet And Drive (Far Away)
Sonntag, 12. Oktober 2008 | Autor: Roger B. Nigk
Nur so ein Gefühl?
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Sonntag, 12. Oktober 2008 | Autor: Roger B. Nigk
Nur so ein Gefühl?
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Donnerstag, 2. Oktober 2008 | Autor: Roger B. Nigk
- Text am 26. Sept. verfasst und erst jetzt, nach langem Zögern veröffentlicht; nach einer Diktiergerätaufnahme im gesprochenen Wortlaut geschrieben; Denkpausen und Verlegenheitswörter entfernt; um einen weiteren Erzählstrang ergänzt -
Hey,
schon ‘ne Weile her seit du gestorben bist. Ich wollte deine letzten Stunden in meinem Internet-”Tagebuch” aufarbeiten, hab’s aber nicht. Hätte nichts gebracht. Vielleicht gäbe es einen oder zwei Leser die sich die Tränen verdrückt hätten, weil es ja durchaus tragisch war, aber drauf geschissen.
Hat sich ‘ne Menge verändert. Oma konnte nicht warten deine Sachen wegzuschaffen. Das hat mich ziemlich erschüttert. Als ich dein Bett abbaute, genauso wie dein Pavillon draußen, fühlte ich nicht viel, es war mir ziemlich egal. Jetzt wo ich die leeren Stellen sehe, schmerzt es mich. Das hat es aber genauso als sie noch hier waren, also hätte es keinen großen Unterschied gemacht.
Unser Verhältnis zueinander war schlecht, das weißt du. Viel hatten wir nicht miteinander zu tun, weil wir verschiedene Auffassungen vom Leben haben. Sicher, du hast es nur gut gemeint, auf deine Art und Weise. Helfen konnte ich dir auch nie besonders viel. Nur wenn der Krankenwagen kam war ich es, der dir die Socken anzog und dich auf deinem Gehwagen durch die Wohnung schob, weil Oma dich nicht anfassen wollte. Einmal hast du es mir gedankt. Das hat mich gefreut. Oma wäre sicher anders gewesen wenn du auch ihr ein paar Sachen gedankt hättest. Macht nichts, es ist okay und war zu der Zeit auch schon viel zu spät dafür.
Wie’s Oma geht wolltest du schon damals wissen, als ich in deinen letzten Stunden über Nacht bei dir war. Du wolltest ihre Stimme hören, wolltest dass ich sie zuhause aufnehme und vielleicht ein kleines Video mache in dem sie zu dir spricht. In diesem kurzen Moment wusste ich dass der Opa zu mir sprach, dessen Verstand noch nicht vom Krebs zerfressen war. In diesem Moment warst du klaren Geistes, obwohl dein Körper mir ein anderes Bild versprechen wollte. Wenige Stunden später ging es dann spürbar bergab, auch mit mir. Ich war kurz eingeschlafen, ohne dass ich es merkte und ich war wütend auf mich. Schon von Anfang an konnte man spüren dass etwas nicht stimmt. Als ich deine Hand hielt war sie eiskalt, anders als sonst. Stille. Nur das Blubbern des Beatmungsgeräts. Leichtes aufbäumen deinerseits, leichte Abwehrbewegungen wie bei einem geweckten Baby und ich mit schweren Augen. Frag mich nicht wie oft ich zur Schwester rannte weil du etwas wolltest oder weil ich Hilfe brauchte. Wie viel wirres Zeug du geredet hast. Und du hast mich beschuldigt dich umbringen zu wollen. Okay, vielleicht denkt man so mit einem Körper voller Tumoren, Metastasen, Beruhigungsmitteln und Morphium, Stunden bevor man stirbt. Schwer getroffen hat es mich trotzdem, besonders als du der Schwester in deinen schwer verständlichen Worten sagtest, was ich angeblich gemacht hätte. Äußerlich blieb ich cool, aber tief in mir drinnen machte sich große Hilflosigkeit breit. Ich wusste nicht wie ich dir helfen soll. Du hättest meine Hand gebraucht, ich entzog sie dir, weil ich so geschockt war von deinen Worten. Wir waren nicht immer gut, aber auf dem letzten Abschnitt deines Lebensweges, hätte ich alles für dich getan, damit es dir besser geht.
Zu der Zeit in der du noch bei uns zuhause warst, merkte man wie hilflos du mit ansahst, wie deine Wahrnehmung, dein Urteilsvermögen, einfach alles, sich stark zurückbildete. Keine Ahnung warum, in deinem Krankenbett der Palliativstation liegend, unfähig dich richtig zu bewegen, traute ich dir dennoch zu, geistig komplett der Mensch zu sein, der du vor deiner Krankheit warst. Trugschluss, ich weiß.
Die komplette Nacht nochmal aufzurollen würde den Rahmen sprengen, also lasse ich das. Mein Onkel löste mich irgendwann vormittags ab. Er kam zu dir, obwohl du auch ihn vor ein paar Tagen beschuldigt hast, dich umbringen zu wollen. Weiß nicht ob ich das geschafft hätte. Vielleicht schon. Ich fuhr nach Hause, holte etwas Schlaf nach. Kurz vor drei Uhr wartete ich auf Oma, die beim Einkaufen war. Der PC war eingeschalten, das Mikrophon ausgerichtet, das Aufnahmeprogramm geöffnet, da wurde ich angerufen und ich erfuhr dass du gestorben bist. Mein Onkel hielt deine Hand dabei. Gerade er. Von all deinen Kindern, hätte ich mir gewünscht dass er es war. Der, von dem du nie wusstest ob er dein eigenes Kind ist. Der, dem du glaube ich nie wirklich gezeigt hast, dass dir etwas an ihm liegt oder dass du etwas von ihm hältst. Er hielt deine Hand als du schliefst. Er roch den Lavendel den die Schwester vor einigen Stunden auf eine Mullbinde träufelte und mit mir über dein Bett hing, um dich zu beruhigen. Er hörte dein Röcheln. Er sah deinen halboffenen Munde. Er beobachtete die immer länger werdenden Abstände zwischen deinen Atemzügen. Bis … oh Mann.
Kann dir nicht sagen ob Oma sich nach deinem Tod verändert hat. Das Porträt von ihr, dass ich vor langer Zeit malte und in meinem Innersten über ihren Altar hängte, würde inzwischen anders aussehen, so viel steht fest. Ich liebe sie immer noch mehr als alles andere, nur ist auch sie nicht ohne Fehler. Leider. Weißt du noch wie es immer Ärger gab wenn du Tierfilme oder Sport im Fernseher sahst? Inzwischen schaut sie diese Dinge selbst, vielleicht nicht weil sie ihr gefallen, aber doch weil sie sie an dich erinnern. Sie ist jetzt jeden Tag draußen und macht “deinen Garten” sauber. Mit deinen ehemaligen Freunden hat sie sich übrigens bis aufs Blut verkracht. Kann ich verstehen. Ich selbst kann die Idioten auch nicht mehr anschauen ohne ein komisches Gefühl im Bauch zu haben. Ans Grüßen denke ich gar nicht mehr. Sie haben sich im Nachhinein nicht als wirkliche Freunde entpuppt. Du weißt das und konntest es sicherlich noch zu Lebzeiten spüren. Oma ist übrigens weiterhin so negativ eingestellt wie damals. Sie schimpft sehr viel. Über deine Freunde, über Hundehaufen, über Dreck vor der Haustür und was sonst noch alles. Tut mir ehrlich gesagt sehr weh. Sie macht sich das Leben unnötig schwer. Jetzt hat sie wieder Bluthochdruck und du kennst sie ja. Die Werte sind sehr hoch und wir können es ihr nicht sagen, weil sie sich sonst noch mehr aufregt. Einen Arzt zu holen wäre auch nicht richtig. Dafür nehmen wir still in Kauf, dass sie einen Schlaganfall bekommen könnte. Sehr hart, für jeden von uns. Deine Tochter spricht sich heimlich mit dem Arzt ab, bekommt Tabletten für sie und so weiter. Mit der Schiene fahren wir gerade ziemlich gut, trotz des Stresses den wir haben, wenn es darum geht ihr die neuen Tabletten aufzuschwatzen. Ihre Gedankengänge kennst du ja, glaube ich zumindest. “Neue Tabletten? Da muss was schlimmes mit mir los sein und die sagen’s mir nich!”, “Zum Arzt? Muss ich ins Krankenhaus?” Sie hat Angst um uns. Sie denkt wir wären aufgeschmissen ohne sie und keinen einzigen Tag lebensfähig. Das ist ihre größte Sorge. Ansonsten würde sie ja sterben wollen, sagt sie. Ja, ja. Unsere Familie und der autoaggressive Todestrieb. Eine wilde Ehe bis dass der Tod uns scheidet.
Bald bekommt Oma diese “Aufbauspritzen”, die ihr schon mal geholfen haben. Das beruhigt sie zusätzlich und ich hoffe dass sie sie “gesund” machen. Ich für meinen Teil weiß nicht ob vielleicht sogar ich für ihren hohen Blutdruck zuständig bin. Du erinnerst dich bestimmt noch daran was für ein Hypochonder sie ist. Schlaganfall, Tumore, Alzheimer, Schmerzen im linken Arm, Schmerzen an den Nieren, alles redet sie sich wie gehabt ein. Insofern schwer für uns, weil wir nicht beurteilen können wann sie denn wirklich krank ist. Sie möchte immer hören dass sie nichts hat. Das möchte sie von uns hören, nicht von einem Arzt. Für mich nicht mehr auszuhalten, weswegen ich oft meine Fassung verliere und mich mit ihr streite. Soll sie doch zum Arzt gehen! Hat man ja bei dir gesehen was rauskommen kann, wenn man zu spät dran ist. Außerdem möchte ich mal ausgehen, du weißt schon. Hat dir ja auch nie gefallen als du noch gelebt hast, selbst wenn ich nur ein paar Straßen weiter war. Aber nur wenn du selbst nicht draußen in deinem Pavillon rumgesessen bist oder unten im Keller und dir dann sowieso scheißegal war, was bei uns zuhause abging. Dienstag, mein letzter Tag vor Studienbeginn, wollte ich nach München. Du kannst dir nicht vorstellen was sie für Geschütze auffuhr. Ich empfand es als seelische Erpressung und die Dinge die sie sagte haben mich sehr verletzt. Deswegen werde ich ihr Porträt in meinem Inneren wohl langsam abhängen und auf den Boden stellen, den Altar aber unberührt lassen. Sie macht sich selbst und allen das Leben viel zu schwer. Das ist sowas von unnötig. Ihre Ängste wird sie nie besiegen können, das ist unglaublich traurig. Sie merkt gar nicht wie sehr sie andere – vor allem mich, der bei ihr wohnen muss – mit in den Abgrund zieht. Ich liebe sie, egal wie viele Gabeln und Messer sie mir ins Herz rammt. Ich werde mit einem Messer ein Stück abschneiden und sie mit der Gabel füttern, wenn es sein muss. Bis das scheiß Ding nicht mehr pocht. Trotzdem…
Alles könnte so einfach sein. Ich sitze zwischen zwei Stühlen, zwischen zwei elektrischen Stühlen. Jeder Weg ist der falsche, stehen bleiben möchte ich aber auch nicht mehr. Das hab ich viel zu lange. Meine Schritte werden aber viel kaputt treten. Alles ist so zum kotzen und ich würde gerne an meinem Erbrochenem ersticken. Könnte man als “Flucht nach vorne” interpretieren.
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Lange her dass ich an deinem Grab war. Ich kann dir nicht versprechen dass ich dich bald dort besuchen werde, aber dieses Jahr möchte ich es noch schaffen. Weißt jetzt nicht mehr was ich sagen soll, deshalb mach ich jetzt Schluss. Alles Gute zum Geburtstag. Du wärst 71 geworden. Die Typen von denen wir deinen Gehwagen und die Badehilfe die du nie benutzt hast, gemietet haben, von denen hast du eine Glückwunschkarte geschickt bekommen. Viel Gesundheit und ein langes Leben wünschen sie dir.
Als wir in München durch den Viktualienmarkt gingen und es nach Lavendel roch, saß ich an deinem Krankenbett und sah dich schlafen.
Sitz jetzt schon viel zu lange mit diesem Diktiertgerät vor meiner Fresse. Ich mach jetzt wirklich Schluss.
Thema: In sich gekehrt | 3 Kommentare