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Blood Withdrawal

Mittwoch, 30. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

Was war ich im Wartebereich vorm Labor gut drauf. Gepfiffen hab ich. Leute gegrüßt die ich nicht kenne. Ganz entspannt. Ganz locker. Es fühlte sich an als könnte ich dem Tod von der Schippe springen und müsse doch nicht sterben. Wenigstens die nächsten paar Jahre nicht.

Wieder wurde ich gefragt ob ich mich zum Blutabnehmen hinlegen will, aber diesmal nicht vom Arzt, sondern von der netten und extrem kompetenten Laborkraft deren Tochter ich kenne. Nicht hinlegen. Los geht’s. Piecks. Ich springe auf und schreie unchristliche Flüche in Richtung Wand. Flatterhall bis raus ins Wartezimmer. Menschen erschrecken. Ich sinke mit weinenden Augen gezeichnet von Schockstarre zu Boden, werde kreidebleich im Gesicht, doch der Blutdruck im Arm lässt die rote Soße weit aus der Kanüle schießen, mitten ins Gesicht der Laborfrau, die ihre Lippen an ihrem Ärmel abwischt und leise spuckt. Sie versucht mich hochzuheben und ruft nach einer Krankengehilfin. Von da an muss ich das Bewusstsein verloren haben.

Ich wache auf und sehe wie eine weitere Spritze mit meinem Blut vollgemacht wird. Wieder zur Seite drehen und aufbäumend an die Wand schreien, Flatterhall, erschreckende Menschen, diesmal auch weinende Kinder darunter. Man spricht zu mir ohne Pause, verstehen kann ich aber kein Wort. Zu sehr schlage ich mit den Armen um mich während das Blut aus der offenen Kanüle spritzt wie aus einem künstlerisch aufwendig gebauten Springbrunnen einer Großstadt. In meinem linken Arm seh ich eine weitere Kanüle, genauer gesagt ein peripherer Venenkatheter. Neben mir liegt ein umgeworfenes Infusionsgestell.

“VERFICKT NOCHMAL, ICH HAB DOCH GESTERN SCHON GESAGT DASS ICH KEINE SCHEIß INFUSION WILL!”

Ich schlage noch mehr mit den Armen um mich, spüre dabei die Nadeln in meinem Fleisch. Die in meiner rechten Armbeuge bricht sogar. Jetzt werde ich nervös und möchte jemanden anrufen; wen weiß ich selbst nicht. Sie nehmen mir mein Handy weg und weisen mich darauf hin, dass es verboten sei ein eingeschaltetes Handy mit ins Labor zu nehmen.

“Leckt mich, weiß doch jeder dass des nur Scheiß is”, lalle ich während ich mir unkontrolliert auf die Zunge beiße und sich mein Blut mit meinem Speichel vermischt. “NEHMT DIE HÄNDE WEG! HEY!!!” und schon prügle ich mich mit drei Gehilfinnen während die nette Laborfrau im Nebenraum schon einen anderen Patienten behandelt, sicherlich damit sie meinen menschlichen Absturz nicht mitansehen muss und mich so in Erinnerung behalten kann, wie ich als kleines Baby war (so lange kennt man sich schon).

An vieles kann ich mich jetzt gar nicht mehr erinnern. Bin grade aus dem Bezirksklinikum rausgekommen in dass ich kurz gebracht wurde, “zu meiner eigenen Sicherheit” versteht sich. Das letzte was ich aus dem Labor weiß ist, dass sich eine Gehilfin, um meine Blutung in der Armbeuge zu stoppen, einen nicht mehr ganz so frischen Tampon aus der Hose zog und mir in den Arm schob. Nicht schlimm, wäre die”Reißleine” (so nenn ich das Ziehding am Tampon) nicht tief in mir verschwunden. Gerade wandert der Tampon vollgesaugt hoch in Richtung Schlüsselbein. Momentan hängt er noch zwischen meinem übers Semester ziemlich dünngewordenen Bizeps und dem nicht weniger verkommenen Deltamuskel fest. Sieht vorm Spiegel nicht schlecht aus wenn ich anspann. Scheiß auf Synthol! Wer wirklich groß rüberkommen will ohne viel zu trainieren, soll sich einfach Tampons reinschieben.

In diesem Sinne…

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Fuck, was gayed’n?!

Dienstag, 29. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

War beim Arzt. Dass es so schlimm um mich steht hätte ich nie gedacht. Vorahnend träumte ich heute Nacht davon wie mich ein von innen stark verschimmelter Krankenwagen abholt und in das Krankenhaus fährt in dem meine Mutter fahrlässig getötet wurde. Dort operierte mich Hannibal Lecter bei vollem Bewusstsein und machte aus meiner entzündeten Hirnhaut eine Nudel-Ei-Suppe, die er mir zu essen gab bevor Vera Int-Veen sich auf meinen offenen Schädel setzte, von ihrer Lebensgefährtin an der Hand gehalten als sie ihre Notdurft verrichtete … ihre Notdurft in meinen Kopf.

Lustig. Kaum dass ich die hart zusammengekratzten zehn Euro Praxisgebühr aus der Hand gegeben habe, merke ich dass ich aufs Klo muss. Die Sprengung der Toilettenschüssel war für mich sehr befreiend. Den Arzt begrüßte ich dann mit den Worten “Mein Stuhlgangproblem hat sich grade in ihrer Praxis gelöst, aber jetzt wo ich die zehn Euro schonmal los bin, belästige ich sie noch ein bisschen.”

Hatte mir einen Zettel zurechtgelegt und zählte ihm jedes meiner Zipperlein auf, er tippte mit. Zum Ende meiner Ausführungen sagte ich noch: “Und Hypochondrie vielleicht.”, “Das kommt noch dazu, ja”, sagte er mit einem breiten Grinsen.

War herkömmliches Doktor-Nigk-Geplauder. Ich mit meinem laienhaften Fachgesimpel, er mit seinem hinterfotzigem Zuhörerblick, sprich: Wir verarschen uns jedes Mal von Sekunde eins bis Ende und reden mehr über private Dinge wie z. B. das Fernsehprogramm als über sonstwas (in seinen Aktenmitschriften über meine Krankheiten schrieb er allen Ernstes noch Musiker, Schriftsteller und Wirtschaftsinformatikstudent dazu). Jedes mal kommt es mir so vor, als könnte ich einem Arzt meine Leiden nie gut verkaufen, weil ich mir niemals zu Schade für einen blöden Spruch bin und all meine Leidensbeschreibungen mit einem so dreckigem Fluidum an schwarzem Humor überziehe, dass man mich einfach nicht ernst nehmen kann. Hat mein Opa selbst als er im Sterben lag noch getan. In seinen letzten Stunden für fast keinen mehr verständliche Witze, aber wir wussten dass der tiefreine Kristall des Humors in ihm vom Krebs nie wirklich befallen war, im Gegensatz zu allem was diesen Humor an seine Umwelt hätte verständlich weitergeben können. Das gehört in einen anderen Blog-Beitrag.

Ob ich Angst vorm Blutabnehmen hätte, fragte er. Natürlich nicht. “Falls doch, könnte man das auch im Liegen machen, wegen ihrem …”, “Nee, passt schon. Soll ich gleich ins Labor?”, “Klar, wenn sie wollen.” Dann kam ein langes Referat seinerseits, wie toll seine Laborleute sind und wie zärtlich die mit Spritzen umgehen und dass ich nix merken werd und dass ich – wenn ich einmal war – immer wieder zum Blutabnehmen kommen möchte bis er mich wegen Blutarmut behandeln kann um endlich sein Haus abbezahlen und in den wohlverdienten Ruhestand gehen zu können und bla bla. Nachdem er mir noch zwinkernd ein Rezept zusteckte fragte er noch ob ich mich endlich mal dazu erdreisten könnte meinen längst überholten Impfpass zu finden und das nächste Mal mitzunehmen. “Kommt drauf an ob ich die Blutabnahme überlebe.”

Kaum dass ich meinen Namen in die Laborliste eintrug, fiel mir ein, dass ich schon gefrühstückt hatte. Zwar nicht viel, aber doch ein wenig. Das könnte bei der Blutanalyse Probleme bereiten, besonders weil ich unter anderem wegen Zucker untersucht werde usw. Hat mir dann nach einer Minute Wartezeit auch die Laborkraft bestätigt, mit deren Tochter ich früher in die FOS ging. Muss morgen hin. Darf Tee und so Zeug schon trinken, aber nix anderes halt. “Da sind Sie mir ja nochmal ausgekommen, Herr Nigk.”, “Ihnen vielleicht, aber nicht dem Tod.”

Was ich verschrieben bekam und was mich vor meinem frühen Legendentod bewahren soll: Kreislauftropfen. Zuerst Pillen, aber die kann ich ja nicht schlucken. Wirkstoff ist von nem Mutterkornalkaloid abgeleitet. Nice. Da werd ich die Grenze von bis zu 3x täglich (je nach Bedarf) doch gleich heute noch weit übertreten. Man tut ja sonst nichts um seinen unendlichen Weltschmerz kurzzeitig zu betäuben.

Kopfweh.

Schluss jetzt.

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Pustekuchen

Montag, 28. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

Obwohl mir ja die Augen so weh tun als hätte man sie wie Rosinen ausgetrocknet und mit Brennspiritus aufgespritzt, schreibe ich das hier schnell.

Da denkt man, nach den Klausuren kann man sich ganz entspannt durchhängen lassen und seinen während der Studierzeit so arg vernachlässigten eigentlichen Lebensinhalt wieder vom Speicher holen … Bullshit! Schon meine ganze Lernphase über musste ich mich mit mehr oder weniger starken Kopfschmerzen rumschlägern, gerade ist es aber besonders schlimm. Liege ich, schlafen mir die Kopfstellen ein auf denen ich liege und fangen schnell an weh zu tun, mit Abstrahlung in den Nackenbereich. Wenn ich aufstehe, explodiert mein Hirn. Wenn ich nach oben schaue (oder unten oder rechts oder links) explodieren meine Augen. Mein Genick ist steif geworden. Jeder der sich oberflächlich mit Krankheiten beschäftigt oder regelmäßig Galileo schaut (ich gehöre nicht dazu obwohl ich gestern doch glatt mitansehen musste, wie dort eine ehemalige Mitschülerin von mir, sich splitternackt von ihrem Freund massieren ließ und das ist leider kein Witz), weiß dass steifer Nacken und Kopfschmerzen Symptome einer Meningitis, also Gehirnhautentzündung sind. Anfällig dafür wäre ich insbesondere, weil meine ganze Fresse mit Herpes überwuchert ist, ergo: Zerficktes Immunsystem. Weiter kenn ich mich nicht damit aus, weswegen ich morgen mal zum Arzt gehen werde. Der kann sich dann gleich mal meine Mandeln (die weißes Zeug produzieren) und meinen rebellierenden Gastrointestinaltrakt (der das Zeug seit Tagen nicht rauslässt was ich ihm zuführe) anschauen. Mein Kackproblem hat wahrscheinlich damit etwas zu tun, dass ich längere Zeit nichts gegessen habe und dann wie aus dem Nichts (zur Freude meiner Oma die als einzige dokumentieren könnte wie schlecht es um mich steht) wieder mit der Völlerei anfing. Dann wäre noch mein mehrstimmiger Tinnitus der wieder voll durchgreift. Und das rechte Ohr fühlt sich verstopft an. Die kahlen Stellen im Bart werden auch nicht weniger. Was bin ich doch nur für ein arschgefickter Hypochonder…

„Hypochondrie ist nicht bloß, sich ein Leiden, das man nicht hat, einzubilden, sondern Leiden, die man hat, zu aufmerksam zu beschauen.“
- Ernst von Feuchtersleben

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Wie Thanatos Freuds Arschloch deflorierte

Montag, 21. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

Bleib ich so wie ich mich grad fühle, werde ich magersüchtig. Kein Hunger. Zumindest noch. Keine Lust etwas zu essen und bleibt das so, werde ich magersüchtig. Für immer.

Ich hätte große Lust all meine Stunden im Fitnessraum meines Onkels und den Mehrverbrauch an Nahrung im Rahmen des Muskelaufbaus einfach so verpuffen zu lassen. Ich will die über Jahre hart erkämpften Kilos wieder loswerden. Weg damit. Ich will an meinen Ursprung zurück. Zurück zu dem, was die Natur ohne mein Zutun für mich gewollt hätte. Ich will dass alles was ich in meinem Leben getan und geleistet habe nutzlos wird, wenn es das noch nicht ist. Dieses innere Jucken möchte ich wegkratzen, meinen ganzen Körper ausschaben und jedes Organ, jeden Zentimeter Gewebe den ich nicht brauche, laut brüllend aus dem Fenster werfen. Hunde sollen fressen wovon ich mich trenne: Niere, Hoden, Blinddarm, Mandeln, Harn, Fäzes, Tränen, Freunde, Verwandte, Bekannte, Schule, Geld, Gesundheit …

Ich möchte etwas kaputtmachen. Was könnte da näher liegen als ich selbst. Das wird ein großartiges Selbstexperiment! Alles unterlassen was zu unterlassen möglich ist ohne sich auf der Stelle umbringen zu müssen. Essen, trinken, bewegen, sprechen, waschen, blinzeln. Im Zimmer einsperren. Wird schon keiner merken dass ich weg bin. Falls doch, mir egal, denn ich hab den Schlüssel. Ich machs wie mein ehemaliger Schulkamerad heute, der schon seit Monaten mit seiner Frustration zu kämpfen hat: In Klausur gehen, rumheulen, sich schneiden, im Selbstgespräch schlimme Worte an sein nutzloses Leben richten. Hunger hab ich. Durst hab ich. Nur Lust, die hab ich nicht.

“Ich habe sie immer gefürchtet; was man auch dagegen tut: ihre Verwitterung. Überhaupt der ganze Mensch! – als Konstruktion möglich, aber das Material ist verfehlt: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch.”
- aus homo faber. ein Bericht (Max Frisch)

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You and me are here alone, face flat along the edge of the glass

Dienstag, 15. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

Steck gerade im Prüfungszeitraum der FH weswegen ich bis Ende dieses Monats nicht mehr viel schreiben werde. Bis ich wieder richtig da bin, nehmt doch noch an der Umfrage auf der rechten Seite teil, falls ihr das nicht schon habt. Für alle Abergläubischen: Nein, ihr müsst nicht sterben wenn ihr ehrlich seid und auf “Nein” klickt.

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Bus-Brawl

Dienstag, 1. Juli 2008 | Autor: Roger B. Nigk

Habe heute eine Schlägerei mit einem Busfahrer angefangen. Ich muss ihn gewaltig überrascht haben, denn er hatte nicht im geringsten damit gerechnet. Erst als mein spitzer Ellbogen ihm seine Sonnenbrille wuchtig ins Gehirn schlug reagierte er, mehr oder weniger bewusst.

Ein trauriger Kampf. Ich hatte mir mehr erhofft. Mehr Prügel, mehr Hämatome, mehr Frakturen, mehr Platzwunden, stattdessen nur zahlreiche Tränen und kleinere Abschürfungen. Meine offene Claviculafraktur macht sich dennoch nicht schlecht neben seiner Bauchschnittartigen Wunde durch einen Tritt in seine Rippen. Wie das befreit, sich zu kloppen.

Ich lief dem wegfahrenden Bus hinterher und verfolgte ihn bis zu einer roten Ampel. Er war zu früh losgefahren, eindeutig zu früh. Der Busfahrer unterhielt sich mit drei Mädchen, die neben ihm standen. Ich klopfte an die geschlossene Tür und lächelte ihn freundlich an. Er sah zurück aber machte keinen Mucks. Die Mädels waren Empfänger seiner vollen Aufmerksamkeit. Ich klopfte nochmal, lächelte immer noch freundlich. Er rollte mit den Augen (im Nachhinein denke ich, dass er von den Mädels so genervt war). Eine ältere Frau, die neben mir auf einen anderen Bus wartete, sagte, ich solle mich etwas lauter bemerkbar machen. Ich antwortete dass er mich durchaus schon bemerkt hat.

Kurz bevor grün wurde ging dann die Tür auf. Zuerst verließen zu meiner Überraschung die drei Mädchen den Bus. Eine brabbelte vor sich hin “Gut dass wir nochmal gefragt haben, sonst wären wir voll in der Pampa rumgefahren.” Aha, haben wohl den falschen Bus genommen. Ich gehe in den für mich richtigen Bus, grüße den Fahrer freundlich und frage witzelnd ob ich zu spät käme. Kein Mucks seinerseits. Ich bedanke mich kurz für das Türöffnen und fasse mir einen Platz ins Auge, da drückt dieser Penner auf’s Gas und ich falle nach vorne. Nicht falsch verstehen, ich kenne den Kerl. Zu jedem ist er freundlich. Jeden grüßt er. Mich nicht, obwohl ich mich stets höflich gegenüber ihm verhalte. Also erhob ich mich von meiner unwürdigen Position im Bus und nutzte die Physik einer Rechtskurve aus um ihn einen saftigen Ellenbogencheck zu verpassen. Wild schreiende Schulkinder bespuckte ich mit meinem Blut. Die Polizei im Anschluss auch. Entspannender Tag heute. Ob er im Nahkampf meinen Ständer gespürt hat?

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