Sleepy Head
Dienstag, 20. Mai 2008 | Autor: Roger B. Nigk
Kopfweh weckt mich. 7 Uhr und 17 Minuten. SHIT, VERSCHLAFEN! Seit 17 Minuten sitzt meine Freundin im Bus, vermutlich neben einem leeren Sitzplatz, den eigentlich mein dürrer Hintern ausfüllen müsste. Warum ging der beschissene Wecker nicht? Hm, das Plastikding scheint bis auf sein bescheuertes Aussehen ganz in Ordnung zu sein. Aber ich hab ihn doch vor dem zu Bett gehen noch gestellt. Hab ich mir das nur eingebildet? Ich könnte mein rechtes Ei drauf verwetten, dass ich gestern einen TIMER-Knopf gedrückt hätte…
In knapp zehn Stunden werde ich erfahren, dass der Videorekorder meiner Tante eine Arielle-Kassette mit dem stinklangweiligen SAT-1-Frühstücksfernsehen überspielt hat. Minuten später werde ich meiner weinenden Cousine (6 oder 7 Jahre alt) erklären müssen, dass ich ihren Videorekorder mit meinem Wecker verwechselte, obwohl der in einem Wohnzimmer zwei Straßen weiter steht. Und dabei war ich doch gestern gar nicht bei meiner Tante. Zumindest weiß ich davon nichts.
Aus meinem Bett schreibe ich kurz nach dem Wachwerden zwei SMS. Eine an meine Freudin:
“Lieg noch im Bett. Das nennt man dann wohl extrem verschlafen, tut mir Leid. Viel Erfolg bei der Klausur…”
Die zweite an einen Kommilitonen:
“So wie’s aussieht brauchst mir keinen Platz freihalten. Werd mich übelst verspäten. Hatte ne unruhige Nacht. Davon geträumt dass mir n Messer den Halsschlagaderpuls massiern will. Um 3 nachts mit nem verbotenem Balisong in da Hand aufgewacht. Weiß nicht wem’s gehört oda wo zum Teufel ich das herhab”
Letztere SMS hat mich übrigens so viel wie zwei SMS gekostet. Hat mich sehr geärgert, aber was sollte ich tun? Irgendjemanden musste ich mich anvertrauen.
Mit knackenden Knochen aufgestanden und Frühstück gemacht, aber nichts gegessen. Danach ins Bad. Vor dem Spiegel eingeschlafen. Auf dem Boden mit Blick zum Klo unter verstärkten Kopfschmerzen aufgewacht. Leicht zitternd zum Nachtkästchen gegangen und Balisong rausgeholt.
Im Bus zum Hauptbahnhof weggenickt, bis eine kleine Tussi sich telefonierend in die letzte Reihe neben mich setzt. “Ja, okeh … hmhm … ja, okeh … ja? okeh … hmhm … okeh … ja, okeh …” Kopfweh, “… ja, okeh … hmhm … ja … ja, okeh … “ Ich starre sie böse an, “… ja, okeh … ja, okeh … hmhm … ja, okeh …” Ich denke dass sie auflegen oder sterben soll, “… ja okeh … ich freu mich.” Sie legt auf und fängt an eine SMS zu tippen. Ihr Tastendrücken ist zu nervig als dass ich weiterschlafen könnte. Ich kann die Tasten förmlich hören: 52 0 6534 0 52 0 6534 0 52 0 6534 …
Am Hauptbahnhof mit wunden Augen angekommen merke ich, dass ich die ganze Fahrt über wohl das offene Balisong in der Hand gehalten haben muss und werfe es in den Mülleimer der nächsten Haltestelle an der ich vorbeikomme. Nach einigen anstrengenden Schritten warte ich auf den einen Bus, der mich schnellstmöglich zur Fachhochschule bringen kann. Zu müde um einer laut zwinkernden Studenten-Nutte im Minirock böse hinterherzuschauen.
Der Busfahrer regt sich über die Studenten auf, die zu blöd sind um sich von der automatisch schließenden Bustür wegzubewegen, damit diese sich automatisch schließen kann. Ich frage den Busfahrer mit rauer Stimme warum er nicht einfach mit offener Tür losfährt. Er überhört mich und regt sich weiter auf. Die Tür geht zu! Bevor sie sich allerdings richtig schließen kann, löst irgendein Studentenarschloch von innen wieder den Bewegungsmelder aus und die Tür steht wieder lange Zeit offen. So geht das an jeder Haltestelle, weswegen die Busfahrt sich zeitlich quälend in die Länge zieht. Ich halte mich an einer gelben Stange fest. Eine Studentin tritt mir auf den Fuß. Dafür lange ich ihr ins Ohr, als ich bei der Arbeitsamt-Haltestelle den Stopp-Knopf für eine dicke Frau drücken muss, die übersehen hat, dass gleich neben ihrer Hand derselbe Knopf angebracht ist. Wenigstens lächelt sie freundlich zum Dank.
Die Türen schließen wieder nicht. Der Bus ist einfach zu verfickt voll. Ich höre wie der Busfahrer flucht. Neben mir unterhalten sich zwei Hippies über Nutzhanf. Im hinteren Abteil des Busses bellt ein Hund. In meinem Dämmerzustand quellen Schwämme in meinem Gehörgang auf und drehen wie an einem Mischpult das Treble aus dem Mix. Bald höre ich gar nichts mehr. Kurz bevor ich im Stehen einschlafe klingelt mein Handy. Ich drücke meinen Handrücken gegen die Poritze einer Dreadlock-Tussi um ans Handy in meiner linken Tasche zu kommen.
“Hab deine SMS bekommen. Bist du schon unterwegs?”
Bin zu müde um etwas zu sagen. Mein halbvoller Rucksack zieht mich nach unten. Sogar das Handy ist mir fast schon zu schwer.
“Hey, schläfst du noch? Wo bist du?”
Benommen von starker Müdigkeit halte ich dem Busfahrer mein Handy vors schimpfende Maul und lasse ihn für mich antworten.
“Bist du noch dran? Wer war das? Jetzt hör mal, wo treffen wir uns? Wir haben ‘ne Menge zu tun heute. Hättest in der Vorlesung sein sollen, das war heut verdammt wichtig. Ich versuch’s dir später zu erklären. Bin in der Mensa.”
Beim Aussteigen bleibe ich zwischen Bus und Bordstein stecken und falle hin. Die Dreadlock-Tussi hilft mir wortlos auf. Sie stinkt nach Gras. Nach zehn Schritten falle ich wieder hin. Rasta-Resi, die mich schon lange überholt hat, bemerkt das und möchte nochmal auf mich zugehen. Ich winke sie weg. Schon bevor ich das FH-Gebäude betrete, sehe ich durch ein Fenster meinen Studentenfreund.
Das nächste an was ich mich erinnern kann ist, dass wir beide auf den Aufzug zugehen. Er drückt auf 5. Während der Fahrt schlafe ich ein, er merkt es aber nicht, weil ich mich recht stabil an die Wand gelehnt habe. Als die Tür aufgeht erschrecke ich. Im Computerraum schlafe ich wieder ein.
Ich wache erst wieder in einem Hörsaal auf, weil jemand seine Schreibablage am Sitzplatz scheppernd rauszieht. Rechts neben mir sitzt jemand, ich will aber nicht wissen wer. Links sitzt mein Kumpel. Meine Augen fallen zu. “Nicht schlafen!”, sagt der Rechte und stuppst mich mit dem Ellbogen an. Dabei muss er ein freundliches Gesicht gemacht haben, trotzdem wollte ich es ihm eintreten, dafür dass er mich geweckt hat. Ich mag Menschen … nur nicht wenn ich müde bin. Ich beachte den Typen nicht ein einziges Mal. Nach ein paar Minuten steht er auf und setzt sich woanders hin.
Der Mathe-Dozent betritt den Hörsaal. Mein Genick verliert jegliche Spannung. Ein tausendstel einer Sekunde bevor ich mir den Kopf an meiner noch zugeklappten Schreibablage einbeule, wache ich auf. Ich hasse das wenn ich so die Kontrolle über meinem Körper verliere. Manchmal rede ich laut im Schlaf. Was wenn mir das in einer gut besuchten Vorlesung passiert? Was wenn ich von meinem Platz falle? Oder noch schlimmer! Was wenn ich im Schlaf erbreche und daran ersticke?
Wieder schlaf ich ein. Diesmal werde ich von links wachgeschubst. “Nicht schlafen! Pass lieber auf, das ist verdammt wichtig.” Schlafentzugsstudien behaupten, dass man schon nach 24 Stunden Schlaflosigkeit leicht reizbar sei. Bei mir sind es noch nicht mal fünf und dennoch werde ich wütend. Mein Puls rast. Jeder Schlag spürbar in meinem schmerzenden Schädel. “Nicht schlafen”, das ist das erste was man zu einem müden Depressiven sagt. Oder es ist das erste was man als solcher zu hören bekommt, bevor man überhaupt weiß wer zum Fick da ungefragt mit einem spricht. Einer fragt ob wir Lust hätten nach der Vorlesung in seinem Cabrio zum Hauptbahnhof gefahren zu werden. Ich mag den Kerl, lehne aber vielleicht auch deswegen nichtdankend ab.
Die Vorlesung endet zehn Minuten vor dem offiziellen Schluss. Ich nutze die Zeit und geh aufs Klo. Vor dem Pissoir schlafe ich wieder ein und stoße mir mit offener Hose den Kopf an der Kachelwand vor mir. Mein Nachbarspisser sagt “Nicht einschlafen, Kumpel.” Ich würde ihm gerne in die Fresse pissen, wäre ich nur nicht zu müde zum zielen. Die Putzfrau wird mich verfluchen. Meine frisch gewaschene Jeans auch, wenn sie’s könnte.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle draußen vor der FH, falle ich wieder hin. Dreadlock-Tussi ist nicht da um mir aufzuhelfen. Zu gern hätte ich ihr gesagt dass sie sich um ihren eigenen Scheiß kümmern und ihre Bong ficken gehen soll. Hilfsbereite Menschen gehen mir einfach auf den Sack, wenn’s mir schlecht geht. Natürlich wollen sie einem nur helfen wenn sie dir sagen dass du nicht einschlafen sollst oder wenn sie dich unaufgefordert vom Boden aufheben… Sorry, aber was verfickte Scheiße läuft bloß falsch bei denen? Würden sie einem verblutenden auch die lebensnotwendige Bluttransfusion verwehren? Lasst schlafen was schläft!
Im Bus wieder eingenickt. Zu spät ausgestiegen. Hingefallen. Von niemanden gestört kurz liegen bleiben können. Zuhause plötzlich zwei Messer gefunden die keinem gehören. Zwei Faustmesser. Hatte plötzlich Lust meinen Kopf auf den Fäusten abzustützen und mir endlich den Schlaf zu holen den ich so bitter benötige. Schlafen und als neuer Mensch aufwachen.





Mittwoch, 21. Mai 2008
warum schreibst du immer so unfassbar pessimistisch?????
Mittwoch, 21. Mai 2008
Weil’s unerhörten Spaß macht.
Übrigens, ich wette mit dir dass du nicht rausfindest was in diesem Beitrag schriftstellerisch überzogen und was 100% der Wahrheit entspricht. Die Grenze ist fließend.
Freitag, 23. Mai 2008
dann frag mich mal was
Freitag, 23. Mai 2008
Ich frage.
Dienstag, 27. Mai 2008
Ja! Komm wir füttern Roger mit Valium bis er als Messer-Ninja-Teletubbi durch die Welt läuft! Und wenn dann irgendwann sein Kopf explodiert stecken wir den an der Uni vor die Tore, zur Warnung an alle… …an alle die besser mal was anständiges gelernt hätten. Verflucht, wenn da doch nur so ein blöder Kopf gewesen wäre, dammed, dammed, dammed…
ach, ja, der Text…immer schön rein mit dem Stumpfsinn ins Köpfchen sag ich nur…