Burnout

Freitag, 16. Mai 2008 |  Autor: Roger B. Nigk

Durchdrehen. Irgendein halbstarkes Arschloch hält an der roten Ampel. Ich stehe neben seiner Karre auf dem Bürgersteig, bücke mich und schau ihn durchs offene Seitenfenster an. Blechernes Bassgewummer aus den Lautsprecherboxen drückt mir ins Gesicht. Er sieht mich nicht. Die Ampel wird grün. Das Gaspedal wird in den Boden getreten wie eine senkrecht stehende Coladose. Quietschende Reifen, durchdrehend. Das Auto bricht ein bisschen in meine Richtung aus, bewegt sich aber kaum nach vorne. Zeitverzögertes losfahren. Ein stinkender Burnout. Tick, tick, tick …

Ich dreh durch, in etwa so wie diese Reifen. Durchdrehen heißt, losgehen und doch stehen. Ich gehe bei rotem Ampelmännchen über die Straße, denke laut: “Ich bin Teil der Generation XS und am austicken!”
Wir sind alle extra kleine Lichter eines Lebens im unendlichen Kreisverkehr mit diversen Abzweigungen, die uns alle in eine Sackgasse führen. Ständig kommen wir an einem Baum vorbei den wir schon einmal gesehen haben. Schön ist das. Ein bisschen grün inmitten einer asphaltierten Welt. Sollte uns das nicht ein großes Lächeln ins Gesicht zaubern? Nicht wenn uns dieser Baum selbst durch seine Veränderungen während der vier Jahreszeiten keine erfrischende Abwechslung beschert. Stattdessen werden wir immer und immer wieder mit unserer Unfähigkeit konfrontiert, unser eigenes Leben sinnvoll zu gestalten. Wir lassen gestalten. Das einzige was wir gestalterisch noch selbst in die Hand nehmen, ist unser Geschlechtsteil. Also ziehen wir unsere Hosen nach unten, damit jeder unsere Ärsche sehen kann, und onanieren an diesen Baum, für ein extra kleines Lächeln der anschließenden Erleichterung. Jetzt schreibt Roger schon wieder vom wichsen. Hat der nichts anderes im Kopf? Nein, und das ist das schlimme! Es gibt noch mehr solche Bäume die uns irgendwie das extra kleine Leben erleichtern oder verschönern sollten, welche aber in unserem spritzig blubbernden Sumpf des extra großen Suchtpotentials ersaufen und für die nächste Generation ein weiteres Relikt unserer Schwäche sein werden. Man muss ja nicht an jeden Baum wichsen. Einige starren wir auch einfach nur nichtstuend an, während sich unsere restliche Lebenszeit mit jeder Sekunde unaufhörlich weiter verringert. Tick, tick, tick …

Diese Bäume die unser Leben zerstören sind sogenannte Pionierpflanzen. Sie dringen in noch nicht besiedeltes Gebiet vor, wie ein Tumor. Da steht eine Birke in der unsere Väter Zerstreuung suchten und sie leider auch fanden. Mit der Fernbedienung in der Hand wechseln sie durch die Programme und würden uns damit am liebsten stumm schalten, wenn wir Kinder mit ihnen reden wollen. Dahinter steht eine Pappel, mit der ich selbst gerade zu tun habe. Das gleiche Prinzip, nur ist es keine Fernbedienung. Mit der Computer-Maus klicken wir uns durch die Seiten und werden später nach einem kostenlosen Download goggeln, mit dem wir unsere eigenen Kinder von unserem erzieherischen Desktop löschen können, ohne sie mit einem USB-Kabel erdrosseln zu müssen. Klick, klick, klick …

Es gibt noch mehr Bäume. Die Birke eine Straße weiter ist unser versinnbildlichtes Geschlechtsteil von dem wir nicht lassen können und das uns, wie jeder Baum, von unserem eigentlichen Weg ablenkt und schnell zu quälen beginnt sobald wir merken, dass wir durch diese Zerstreuung die vielen Teile unseres zerstreuten Ichs nicht mehr zusammensetzen können. Wie viel Zeit man mit Wichsen, Ficken und schmutzigen Gedanken vergeuden kann. Darunter leiden wir alle, mehr oder weniger bewusst. Bist du vor deinem extra großen PC-Monitor zufrieden mit deinem extra kleinen Leben? Was möchtest du gerne getan haben bevor du stirbst? Warum tust du das nicht jetzt oder fängst zumindest damit an? Oder ist Internet-Pornos schauen und versaute Blogs lesen das wofür du lebst?

Wir wissen nicht wohin. 99% von uns sind männlich, der Rest ist nur noch verwirrter als wir Phallusträger. Was wir nicht ganz so Verwirrten brauchen um richtige Männer zu sein, ist ein höheres Lebensziel. Das haben wir nicht, weil wir an runterhängenden Ästen hängenbleiben und unsere Willensstärke von unseren Müttern (bzw. femininen Erziehern) extra klein gehalten wurde. Dafür können sie nichts. Es fehlte uns einfach der maskuline Einfluss in der Erziehung. Eine Frau kann niemals einen Mann ersetzen. Und ein Mann kann sich selbst nicht finden, solange er sich in einer Frau sucht. Viele wissen das nicht, werden das niemals herausfinden und werden damit auch niemals glücklich. Wie dem auch sei, ein großes Danke an unsere Eltern, weil sie uns so viel über das wahre Leben verschwiegen haben und uns als Erwachsene in einer Erwachsenenwelt aussetzten, obwohl wir noch gar keine Erwachsenen sind. Wie ein Fötus in der 12. Woche sind wir … extra klein. Generation XS.

Die schlimmste Zeit im Leben eines Mannes kündigt sich an, wenn er nicht weiß wohin mit sich selbst, wenn er weiß dass der von ihm beschrittene Weg ihn nicht glücklich machen wird und wenn er sein für sich höchstes Ziel nicht anstreben kann oder noch schlimmer, kein höchstes Ziel hat. In unseren Möglichkeiten extra klein gehalten, drückt uns das Leben mit seinen vermeintlichen Pflichten die Luft ab. Unser inneres Feuer läuft auf extra kleiner Sparflamme. Wir sind nicht Manns genug der Welt etwas entgegenhalten zu können, wenn sie uns auf die Probe stellt. Sie zwingt uns mit Leichtigkeit in die Knie, anstatt dass wir ihr Stand halten und sie in all ihren Höhen und Tiefen mit unserer Liebe überschwemmen. Wir alle haben eine einzigartige Gabe, die Gabe unsere Liebe in die Welt hinaus zu tragen. Ohne selbst einen wirklichen Sinn im Leben zu haben – nämlich durch das höhere Lebensziel – können wir allerdings nichts geben außer unsere Depression und Niedergeschlagenheit. Und die bekommen dann meist die Menschen bitter zu spüren, deren Herzen wir eigentlich gefühlvoll mit unseren Lippen berühren sollten, damit unsere Liebesbekundungen im Takt der Schläge für sie spürbar werden.

Es geht darum das Leben so sinnvoll wie möglich zu gestalten, sei es auch nur mit Sinnlosigkeit – solang wir damit unsere Angst vor dem Tod verlieren ist alles okay. Der Tod ist in Ordnung, er ist bis an unser Lebensende ein Teil unseres Lebens und wir sollten ihn zärtlich umarmen. Jeder sollte ihn als das erkennen was er faktisch darstellt: Das Ende unseres bewusst aktiven Wirkens auf diesem kranken und zugleich wunderschönen Planeten. Was danach passiert weiß niemand von uns, selbst wenn er es noch so laut behauptet. Deswegen ist es von unendlicher Wichtigkeit sein Leben lieben zu können, in Trauer, Freude, Angst, Hass und Harmonie. Dazu ist keiner von uns in der Lage, wenn wir unser Leben zu lange mit diesem viel zu bequemen Nichts verbringen. Natürlich ist es bequem, glücklich wird aber keiner damit. Ich selbst zum Beispiel, verbrauche ja schon meine kostbare Lebenszeit unnütz, in dem ich mir diesen Blog-Beitrag ausdenke, ihn schreibe, nochmal durchlese und danach versuche, für den Lebenslaien verständlich zu machen. Verdammt, wozu sollte ich das? Man wird mich selbst nach dreißig mal Durchlesen und Verständlicher Machen nicht verstehen! Gerade dresche ich wie wild auf die Cursortasten um zu einem Tippfehler zu gelangen, damit ich ihn verbessern kann. Und wieder vergeht kostbare Lebenszeit. Drisch, klick, tick …

Und du liest gerade wirklich diesen Blog-Mist während du hörst wie deine innere Uhr tickt. Vielleicht begründest du dein online gehen damit, dass du gerade von der Schule oder Arbeit kommst und dich ein bisschen entspannen möchtest. HAHA! Weil wir diese Art von Entspannung brauchen – ich lache! Nicht das Burnout-Syndrom ist es, worunter wir leiden. Wir brauchen keine Entspannung, wir brauchen Entfaltung! Ich weiß nicht wie’s dir geht, aber ich möchte den Tod nicht mehr fürchten müssen, nur weil ich denke, mein Leben noch nicht gelebt zu haben. Warum nehmen wir unsere höchste Lebensaufgabe nicht in Angriff? Wovor haben wir Angst? Tun wir was wir tun wollen, ungeachtet der Konsequenzen! Wir könnten dadurch vor dem finanziellen Ruin stehen, obdachlos werden und alles verlieren. Na und? Mehr als todunglücklich können wir nicht sein und das sind wir bereits! Keiner von uns hat etwas zu verlieren. Reißt euch los von dem billigen Mist den ihr angeblich so liebgewonnen habt und ohne den ihr eurer Meinung nach nicht mehr leben könnt. Ich weiß ja nicht einmal ob meine Meinung richtig ist, aber ich kann euch sagen dass eure falsch ist, denn eure innere Uhr tickt, tickt, tickt … und ihr macht nix, nix, nix …

Überspringt den eingeschobenen Absatz in Klammern wenn er euch zu lang ist und lest darunter weiter.

(Du da hinten, wolltest du nicht mal Feuerwehrmann werden? Jetzt bist du Beamter im Rathaus deines beschissenen Kaffs und zählst deine Papierschnittwunden. Melde dich bei der Freiwilligen Feuerwehr drei Straßen weiter an und habe deinen ersten Einsatz beim Löschen deines Arbeitsplatzes! ||| Du Typ daneben, wolltest du nicht mal ins Ausland um dort ein neues Leben anzufangen? Dann hör auf Weed zu rauchen, melde das teuere Pay-TV-Abo ab, trink deinen letzten Schnaps und fang an Geld zu sparen! Bist du dafür zu schwach, wirst du auch zu schwach sein dir außerhalb deiner Komfortzone etwas neues aufzubauen. Trau dich und wenn es eine Crash-and-Burn-Erfahrung wird, geh wieder zurück und finde dir eine neue Leidenschaft die dein Herz erfüllt. ||| Du, der mit den grauen Schläfen! Schon seit Jahren willst du dein Geld auf eine kreativere Art und Weise verdienen. Dein jetziger Job frisst dich auf, du kannst nicht mehr Lächeln und leidest unter dem Gefühl faltig gewordener Haut. Du bist zu alt um etwas neues anzufangen. Bist du das? Dein Konto ist gut gefüllt, du hast dir selbst ein kleines Polster geschaffen um aus deiner Komfortzone auszubrechen. Such dir den Job den du machen willst und dann leb ihn mit jeder Zelle deines Körpers! Du wirst jeden Morgen in den Spiegel grinsen und in deiner Haut wirst du dich wieder jung fühlen. Entpuppt sich deine Leidenschaft als falsch gewählt, orientier dich neu. ||| Hey du! Wolltest du nicht mal Musiker werden? Du hast in deinem Leben schon viele Songs geschrieben, verfügst über das Equipment das alles in akzeptabler Qualität aufzunehmen, aber bist du schon mal mit einem einzigen Ton in die Öffentlichkeit gegangen? Weiß ein Mensch der in der Hinsicht was zu sagen hat, dass du Musik machst? Nein, du wechselst lieber perspektivlos den Studiengang ein paar Mal und verpackst deine Frustration weiter in Lieder, die nie jemand hören wird. Du bist der Schreiber dieses verfickten Blogs und solltest wissen was zu tun ist!)

Wir alle sind extra kleine Knospen und viele von uns werden verdorren ohne vorher jemals aufgegangen zu sein, um anderen mit ihrer Blütenpracht ein extra großes Lächeln ins Gesicht zu zaubern … denn wir geben uns alle ja schon mit einem extra kleinen, nach unten verlaufenden Wichsfleck auf einer Baumrinde zufrieden. Hört auf Bäume mit eurem Samen zu begießen, wir müssen selbst gegossen werden! Manch einem reicht ein kurzes Fingertauchen ins Weihwasserbecken. Ein anderer muss nur mal kräftig den Kopf gewaschen bekommen. Mich muss man fast ertränken, mit einer Stacheldrahtschlaufe am Hals ins Trockene ziehen und mit Stampftritten in den Brustkorb wiederbeleben. Liebe als Gabe ist unser Dünger, also drauf geschissen. Ich will keine Angst mehr vor dem Tod haben, nur weil ich denke meine Lebenszeit zu verschwenden.

Gesagt, getan?

 

Break the cycle, find your rhythm
Share the gift that you’ve been given

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Thema: In sich gekehrt

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