Allerhighligen

Freitag, 1. November 2013

Allerheiligen. Kapier nicht, warum wir Christen unseren verstorbenen Mitgläubigen an Allerheiligen auf den Friedhöfen gedenken, statt an Allerseelen. Bin mir nämlich ziemlich sicher, dass einige, die in ihren Gräbern im dreckigen Boden meiner Heimatstadt dahinsiechen, alles andere als heilig sind oder waren.

Unser Pfarrer war wie gewohnt Arschloch. Menschen, die nicht aus dieser Scheißstadt kommen und auch nicht ihre verfickten Wurzeln dort haben, wurden einfach mal nicht begrüßt. Und alle, die weiße Grablichter aufstellten, wurden keines Peniszuckens gewürdigt, weil ja nur rot die Farbe der Liebe sei und sich so viele schöne Metaphern auf die Farbe rot finden ließen (Ampeln – stehen bleiben, inne halten; Rücklichter des Vordermanns – ist es Dunkel, findet man dennoch den Weg; das ewige Licht – leuchtet rot neben dem Tabernakel; und ein paar mehr).

Bei der Aufzählung der diesjährig vom Leben erlösten vergaß ich die Namen mitzuzählen. Das vergesse ich jedes Jahr, obwohl ichs mir vornehme. Als die evangelische Pfarrerin mit ihrer Liste fertig war und es mit den Katholiken weiterging, zählte ich aber diesmal mit. 66 Katotliken. Teufelszahl. Mehrere Seiten umfasste die Liste, während die Zahl der verstorbenen Evangolen auf einen Bierdeckel passte. Man könnte das so verargumentieren, dass es einfach viel mehr Katholiken hier gibt. Stimmt. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt für diese doch recht krasse Diskrepanz: Katholiken sterben mit Vorfreude. Nicht weil das angebliche Paradies wartet, sondern weil sie von ihrem Glauben so unglaublich depressiv sind, dass sie es hier einfach nicht mehr aushalten. Merkt man auch am Alter. Die 90- und 100-jährigen gab es nur unter den Evangelen (wie zum Fick nennt man die eigentlich? Evangeliken? Evangelikaner? Protestanten?).

Allerheiligen ist meiner Meinung nach jedenfalls ein bescheuerter Tag um ihn auf einer christlichen Messe zu verbringen. Es gibt einen NICHTS, außer eine schöne Kelle Depressionen und Missmut. Mir gefällt die Art nicht, wie man Menschen für ihr eigenes Ende sensibilisieren möchte. Aussichten auf Chillen mit Jesus im Jenseits sind ein schwacher Trost für eine beschissene Abschlussbilanz. Dann, wenn das Leben an einem vorbeizieht. Der Film auf der Leinwand, den man das Licht am Ende des Tunnels nennt.
Jeder, der die verbalisierte Pisse des Pfarrers aufsaugt, geht nicht mit dem Bewusstsein nach Hause, dass sein Leben voller Chancen ist, die er nutzen sollte, bevor es endet. Nein, man geht mit Angst nach Hause. Ich nicht. Ich kann mich momentan damit abfinden, dass ich eine verdammt traurige Menge an Lebenspotential versauern lasse. Schließlich leide ich ja ganz im Sinne eines altruistischen Märtyrers – für einen sauguten Zweck (pah). Aber die ganzen alten Säcke, die gehen mit Angst nach Hause. Wenn die Pfarrer die Verstorbenenliste runterbrabbeln, wird jede Zeile mit dem Alter des verstorbenen abgeschlossen. Die Einschläge kommen immer näher. Was?! Der ist so jung gestorben?!? Ich bin noch halbwegs jung. Sollte ich aber wirklich mal 70 werden oder so (Gott bewahre!), kann ich  mir vorstellen, nach einer schön niederdrückenden Allerheiligenmesse, mit einem blöden Gefühl im Bauch, das Friedhofsgelände zu verlassen.

Fuck that! Ich sage, trauert um eure Toten, macht euch bewusst – von mir aus jeden Tag, laut ausgesprochen, gleich nach dem Aufstehen – wie endlich euer Leben ist. Es wird enden. Und das Gute daran: Wenn es zuende ist, wird euch das scheißegal sein können, denn ihr seid tot (was kein Freibrief darstellt, Schulden zu hinterlassen). Was euch nicht scheißegal sein darf, ist wenn ihr tot seid obwohl euer Herz noch schlägt, obwohl ihr noch denken, fühlen, euch bewegen und diesen arschgefickten Blogbeitrag lesen könnt. Und nehmt nicht jeden Rotz ernst, den irgendwelche Geistlichen von sich geben. Ich vermisse und weine um den Pfarrer, der mich vor seinem Weggang mit seinen Predigten (aus dem Leben und für das Leben; nicht aus der Bibel für Gott und die Bibel) berührte, inspirierte und mich in süßer Melancholie Sonntagmittag, nach der Messe, Heim gehen ließ. Süße Melancholie, statt Depression.

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Post-OP-Geheule (Teil 2: Smoke Gets in Your Eyes)

Donnerstag, 22. August 2013

- Forsetzung von Teil 1 -

Ihr werdet lachen, aber ich bin ja stets bedacht, ein besserer Mensch zu werden, auch wenn ich in diesem Blog ziemlichen Scheiß von mir gebe (it’s all about artsy entertainment, bitches). Deswegen bin ich im Nachhinein nicht ganz so unglücklich, mit diesem Burschen einen Tag und eine Nacht verbracht zu haben. Denn man lernt schließlich nicht nur dadurch, indem man sieht wies gemacht werden soll, sondern auch dadurch, wies NICHT gemacht werden soll. Und da gab es viel zu sehen (ja, ich kling mal wieder verdammt arschig, ich weiß).

54 Jahre alt, drei Söhne, verheiratet, in einer Sozialwohnung lebend, welche ständigen Mieterhöhungen unterliegt, und eine Krankengeschichte, die meine in Länge, Fülle und Härte zur süßen Gute-Nacht-Geschichte werden lässt. Er hat/hatte wohl allein schon aus Prinzip alle Krankheiten (u. a. Morbus Crohn, was – anders als heute – 21 Jahre lang ohne Schübe sein stiller Begleiter war) und jede Behandlung wurde scheinbar bei ihm ordentlich verbockt, was zu Weiterbehandlungen führte, in denen jeder wieder alles falsch gemacht hat, außer natürlich er selbst (über die missglückte Lobotomie und Elektroschocktherapie verlor er kein Wort). Er ließ nicht mal ein gutes Wort an dem Krankenhaus, in dem er lag. Wie viele Prozesse er schon führen musste und noch führen wird. Er hätte sämtliche Patientenvereinigungen geschlossen hinter sich und könne mit einem Schmerzensgeld im sechsstelligen Bereich rechnen. Schön für ihn. Ich gewann den Eindruck, dass ihn kein Geld der Welt glücklich machen können wird.
Womit er schneller zufrieden zu stellen war: Das prollige Nachmittagsprogramm im Fernseher, den er die meiste Zeit laufen ließ. Ich war froh, dass ich die von einem Pfleger angebotenen Kopfhörer gleich wieder zurückgehen ließ. Ich war weit weg von meinem Laptop, dem Internet und all diesem anderen Dreck, der einem die Birne wie Durchfall verkleben kann. Da wollte ich erst recht kein Fernsehen (meine Generation wurde von der Flimmerkiste seiner Eltern beraubt; ich würde den Fernsehern heute viel mehr hassen, wenn er in meiner Kindheit nicht der Schmerzstiller Nr. 1 gewesen wäre). Mir genügte mein jüngst erstandener eBook-Reader. Ja, ich, der absolute Papierfetischist, habe jetzt so ein verdammtes Ding, steinigt mich und wünscht mir einen Darmverschluss. Die Dinger sind gar nicht so bescheuert, wie ich mal dachte. Trotzdem wäre ich sehr traurig, wenn eBooks mal ihr gedrucktes Pendant ersetzen. Mir ist der schockende Effekt meines Bücherregals auf Gäste einfach zu wertvoll.

Zurück zu meinem Zimmerkumpanen. Während meine zwei Infusionsbeutel fast leer waren, hing an seinem Gestänge noch ein halbvoller Beutel mit Metamizol oder dergleichen.
“Schwester, können wir das abmachen? Ich hab ja keine Schmerzen!”, sagte er in seiner kratzigen Säuferstimme.
“Da muss ich mal fragen, einen Augenblick.”
Tja, so ist das nunmal wenn man Schmerzmittel bekommt. Manchmal hat man dann keine Schmerzen. Tatsächlich kam die Schwester nach ein paar Minuten wieder rein und nahm ihm den Tropf ab. Die musste ja schließlich nicht die Nacht mit ihm im selben Zimmer verbringen. Er würde eine beschissene Nacht verbringen, so viel stand fest. Ich stand kurz davor Zeuge dessen zu sein, was passiert, wenn Dummheit weh tun könnte. Und es wurde nicht klüger:

“Roger, drehen wir eine Runde, häh?”
Ich blickte von meinem eBook-Reader auf.
“Können wir schon machen.”
“Rauchst du?” Meine Fresse, vor ein paar Stunden operiert werden, noch frisch aus dem Arsch bluten und schon rauchen wollen … ohne Worte …
“Nein.”
“Oh … ich dachte du rauchst.”

Er zappte den Fernseher ein paar mal durch und blieb bei irgendeiner Proll-Serie stehen. Vergessen war der Wunsch, eine Runde zu drehen. Er wollte sich was anderes drehen, eine Kippe, der miese Opportunist. Ich wollte mich nur wegdrehen und weiterlesen. Tat ich auch.

Kurz darauf besuchte ihn seine Frau. Er hatte mir bereits von ihr erzählt (eigentlich nur gesichtslose Banalitäten), dennoch war ich überrascht. Nein, sie war keine Sexbombe auf die ich mir den Kasper unter der Decke hätte schneuzen wollen. Möchte man dem Gefühlszustand der Depression eine menschliche Form verleihen, hat man ein gutes Bild davon, wie sie aussah. Da war kein Leben, kein Schmerz, kein irgendwas, nur Nichts. Hätte ein Kieselstein im toten Meer eine Sprechrolle in einem Stummfilm, würde man sie als Sprecherin engagieren. Wie sie miteinander umgingen verbreitete eine absolut trostlose Stimmung im gesamten Raum. Beide konnten nichts anderes als mir unglaublich Leid zu tun.
Mir gegenüber war er sehr bemüht, ein möglichst standhaftes Mannsbild abzugeben. Im Beisammensein mit seiner Frau knickte er ein, wurde 50 Jahre jünger und ihr Wortwechsel hatte die Dynamik zwischen zwei Kleinkindern: Auf der einen Seite der bettelnde, weinerliche Bengel, auf der anderen Seite das vorwurfsvolle und zugleich resignierende Mädel. Welche Abhängigkeitsmechanismen müssen zwischen zwei solchen Menschen herrschen, wenn sie es schaffen, drei Kinder zu zeugen und über Jahrzehnte hinweg zusammenzubleiben? Ist ja auch egal. Sie besuchte ihn noch zwei, drei weitere Male und das einzige Mal, dass ich sie lachen sah war, als er ihr erzählte, wie er im Halbschlaf fast aus dem Bett gefallen wäre. “Hätte mir das Genick brechen können.” Zigaretten wollte sie ihm übrigens keine bringen, egal wie sehr er bettelte.

Irgendwann ging er dann doch mit mir spazieren. Ach ja, das war, kurz nachdem er unerlaubterweise das Krankenhaus verließ, um sich an einem Automaten eine Schachtel Kippen zu besorgen. Er hatte sogar noch die Kanüle des Tropfs im Handrücken stecken.

Ich bereute es, mit ihm nach draußen zu gehen. Der Raucherbereich eines Krankenhauses schien mir der trostloseste Platz zu sein. Hier konnte man die fertigsten Menschen bestaunen, ausgesaugt von Krankheit, bar jeder Lebensfreude. Und wer nicht mehr in der Lage war zu gehen, der wurde von einem Bekannten, Familienmitglied oder Betreuer geschoben, der kein einziges Wort mit dem Kranken sprach. Eine Frau, die 100 Jahre älter wirkte als sie es wahrscheinlich war, hatte größte Mühe, die Zigarette an ihre Lippen zu führen. Schaffte sie den anstrengenden Weg von Schoß zu Mund, erschwerte ihr ein heftiges Zittern den Zug am rauchenden Sargnagel. Ich wusste nicht woher meine Tränen kamen: Vom Rauch oder vom Anblick, der sich mir bot.

“Mein Sohn hat alle Ehren abgeräumt, dies abzuräumen gibt!” (Zigarette Nr. 1)
Hat nicht lang gedauert, bis ich das Lieblingsthema meines Bettnachbarn ausmachen konnte: Die Bundeswehr. Ich wurde damals ausgemustert, mir ist das alles ziemlich scheißegal. Trotzdem heuchelte ich Interesse vor, weil ich ihn nicht dämpfen wollte. Er hatte sichtlich Spaß davon zu erzählen.
“Und die Amis, mein Gott, die haben uns ihren verfallenen Proviant gelassen und wir haben das Scheißzeug weiterverkauft, unglaublich. Die wollten unsere grünen Kappen, weil die nach den Green Berets aussahen, kennst du die Green Berets, Roger?” (Zigarette Nr. 2)
“Schon mal gehört, ja.”
“Die Kappen sahen halt danach aus und wir haben die bekommen, da hat jeder immer zwei bekommen und als wir keine mehr hatten, kauften wir die aus nem Ramschladen für wenig Geld und die bescheuerten Amis haben die uns aus den Händen gerissen für teuersten Whisky und ihre Proviant-Schachteln. Da war das beste Zeug drin, aber steinalt. Wir haben das teuer weiterverkauft, haben gut Kohle gemacht.
War alles schon interessant. Aber nur bis zu einem gewissen Ausmaß. Ein wenig Abwechslung kam durch Geschichten seiner Söhne, die ja die Besten der Besten seien und so elitär und ganz der Vater, hust, hust. (Zigarette Nr. 3) Die Gespräche mit seiner Frau warfen da ein ganz anderes Licht auf die Familienverhältnisse, doch wer kommt nicht aus einer kaputten Familie? Kaum einer. Kommt drauf an, wie gut man sich aus dem “Defekt” lösen kann. (Zigarette Nr. 4)

Zur Essenszeit ging es weiter mit Bundeswehrgeschichten. Ich musste noch ein paar Mal an diese leblosen Organ-Futterale denken, die ihr Siechtum mit der Inhalation von Drecksrauch nährten. Es verdarb mir aber nicht den Appetit. Vor mir stand ein üppiger Salatteller (Kopfsalat, Paprika, Gurken, Tomate, fein geriebene Karotten) mit Joghurtdressing, Nudelsuppe, Mischbrot mit Butter und ein Schokopudding. Dagegen aß mein Gegenüber relativ wenig. Eigentlich hätte ich der Fettsack sein müssen. Dafür hatte ich zweifelsfrei mehr Grün auf dem Teller. Ich hörte mal irgendwo, das würde bei der Stuhlregulierung helfen. Und da ich wohl einen ziemlich schweren ersten Post-OP-Stuhlgang haben würde, wollte ich alles mögliche tun, um nicht die Gedärme aus meinem aufoperierten Arschloch rutschen zu lassen. Doch der erste Stuhlgang ließ mich warten, wie das unzählige Frauen vor ihm schon getan haben.

Wann würde es passieren? Bewegung soll ja helfen. Also ging ich viel im Krankenhaus spazieren, pflanzte meinen mit dicker Einlage gestopften Arsch in jedes Wartezimmer, das ich finden konnte, unterhielt mich mit Leuten, die mir nett erschienen. Wo das nicht ging, laß ich. Irgendein Buch von David Schnarch. Der schreibt übers ficken, aber so, dass man sich klug vorkommt, wenn man ihn versteht. Am liebsten war es mir, mit völlig fremden Menschen zu reden. Ein notgeil wirkender, kurz vor dem Ableben stehender Kugelmensch mit Vollbart, schleppte sich im Rollstuhl durch den Flur und drehte sich nach jedem Stück Arsch um, das er sieht. So würde ich auch mal alt und fett werden.
“Kann ich sie wo hinschieben, gehts?”
“Nein*schnauf* danke *schauf-schnauf* das geht schon.”
“Okay, schönen Abend noch.”
“*schauf* Danke.”
Es war nett ihn lächeln zu sehen. Nicht ganz so nett waren die zwei Beutel mit Abführmittel, die noch darauf warteten, dass ich sie mit 2 Litern Wasser runterwürgte. Schmeckt umso beschissener, je bettfertiger man sich gemacht hat. Ich war ziemlich bettfertig.

Was meine Bettfertigkeit mit der Entblößung meiner haarigen Eier und daraus resultierenden Weinkrämpfen in einer kleinen Menschenmenge zu tun hat, erfährt ihr im nächsten Blog-Beitrag.

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Post-OP-Geheule (Teil 1: Schrumpelpenis)

Montag, 5. August 2013

7 Tage ist die OP jetzt her. Ich beginne bei Adam und Eva, steigere mich bis zu Kain und Abel.

Baba fuhr mich ins Krankenhaus. Die Patientenannahme war ziemlich strange. Drei Räume, in der Mitte der Wartebereich. Links war gerade ein Patient. Rechts eine etwas beleibtere Frau, die mit sich selbst sprach und mich als Antwort auf mein freundliches “Hallo” mit wilden Kusch-Kusch-Bewegungen rausbefahl. Als sei ich eine Fliege auf ihrem Mettwurstbrötchen.
Ich setzte mich auf einen halbverbogenen Stuhl und wartete. Mademoiselle Kusch-Kusch musste an mir vorbei und sagte ohne dem Timbre geringster Höflichkeit, ihre Kollegin sei gleich für mich frei. Das war sie dann auch und das Einchecken ging recht schnell – hätte ich sagen können, wenn wir nicht durch einen Telefonanruf unterbrochen worden wären. So kam ich nicht ganz pünktlich in der Station an.

Im Warteraum der Station, den ich schon vom Vorgespräch her kannte, saß bereits ein leicht widerlicher Kerl, der mir seinen aufgeblähten Froschrücken präsentierte. Eigentlich bin ich nicht so ein oberflächlicher Mensch, aber ich würde lügen wenn ich schriebe, diese schnappatmende Gestalt wäre mir nicht negativ aufgefallen. Und sein gehetzter, pampiger Umgang mit dem Pflegepersonal besserte meinen Ersteindruck keineswegs.
Er hatte keinen roten Ordner. Den bekam man im Zuge des Vorgesprächs. Man musste ihn von Arzt zu Arzt mitnehmen, Formulare darin sammeln und es am Ende in die Station bringen, ich weiß nicht, ob ichs im letzten Blog-Beitrag erwähnt habe. Jedenfalls hatte er dieses Ding nicht. Aber er müsse heute unbedingt operiert werden, sagte er. Vorgespräch hatte er eins oder doch nicht oder nein, doch, meinte er zu glauben. Er stresste die Leute um ihn herum. Mich amüsierte er ein wenig. Nette Freakshow. Jetzt weiß ich, wie es euch mit meinem Blog hier geht.

Nach viel zu langem Warten geleitete man mich ins Rezeptions-Kabuff der Station. Dort wurde ich kurz in die nächsten Schritte unterwiesen. Ich durfte auswählen, was ich essen wollte. Mit meiner Fruktoseintoleranz fiel da schon mal eine ganze Menge weg. Trotzdem managte ich es irgendwie, mir eine üppige Platte fürs Abendessen zusammenzustellen. Ich traute mich gar nicht zu fragen, ob ich dafür was extra zahlen musste, weil ich dann wohl nur die Hälfte genommen hätte.
Ob ich Wertsachen mit mir führe, wurde ich gefragt. Ein paar natürlich schon. Die durfte ich auf einer Liste ankreuzen, nur um dann zu unterschreiben, dass ich nicht rumheulen würde, wenn man mir im Krankenhaus etwas davon klaut. Na toll, dann hätte ich kein Wort gesagt. Jetzt hatten die Elstern der Station eine schöne Übersicht über das Zeugs, das sie bei mir abgreifen konnten.

Umziehen durfte ich mich im viel zu vollen Bettenraum, weil nichts anderes frei war. Ich bekam diese hübsche OP-Kleidung, die hinten offen ist, und präsentierte der Station meinen Knackarsch. Den hievte ich auf das Bett vor mir, das scheinbar für mich bestimmt war und bekam auch gleich einen kleinen Plastikbecher voll übelriechender Kotze. Das war mein Antibiotikum in Flüssigform, weil ich Tabletten ja nicht schlucken kann. Oder es war irgendwas anderes, wenn das nicht mein Bett war. Doch war es. Mein Name stand in überdeutlicher Kinderschrift vorne am Gestänge.

Mein Vater geisterte am Bett vorbei, ich sagte ihm, in welches Zimmer ich später kommen würde. Er hätte meinetwegen zurück in die Arbeit fahren können, aber er ist ein viel zu treuer Mensch. Er wollte warten. Ich schob ihm meine Sporttasche hin und schon wurde ich weggeschoben. Wie das Pflegepersonal es schafft, galant um die engsten Kurven zu cruisen – das schaff ich nicht mal mit nem sechsmal so kleinen Einkaufswagen mit siebenmal leichterem Inhalt.

Im Bett liegend vor dem OP-Saal geparkt, dauerte es nicht lange, bis ich vertraute Stimmen hörte.
“Guten Morgen. Wir kennen uns schon.” Die blonde Narkoseärztin.
“Hab meine Brille nicht auf und erkenn nur Umrisse, aber ich erkenne Ihre Stimme, ja.”
“Dauert nicht mehr lang und ist gleich vorbei. Aufgeregt?”
“Nö.”
War ich auch nicht. Ich hatte schon Schlimmeres hinter mir. Aber es brachte mich kurz zum Grübeln. Wie abgebrüht ich in solchen Dingen bin ist für mein Alter doch ein wenig krass. Gesund durchs Leben geht jedenfalls anders, Herr Nigk.

Sie suchte mit ihren zarten Fingern nach einer Vene in meiner linken Hand, tippelte ganz sanft mit den Fingerspitzen.
“Soll ich mal eine Faust machen?”
Und meine Faust wurde zum Türöffner für den peripheren Venenkatheter. Klopf, Klopf.

Drinnen musste mein Arsch erstmal die richtige Position für die spätere Messerstecherei finden. Gar nicht so einfach. Dann wurde mir das Propofol ins System gedrückt. Meine Narkoseärztin beugte sich über mich und stülpte mir eine Sauerstoffmaske über die Fresse. “Wie versprochen, bleiben wir knapp unter der Michael-Jackson-Dosis.” Ich wollte sagen, dass das in einem Raum voll mit Michael-Jackson-Mundschutzträgern schwer zu glauben sei, hing aber meinen Gedanken zu viele Schritte hinterher. Ich atmete tief ein … und tief aus … Meines Erachtens war ich viel zu lange wach, aber wahrscheinlich wollten sie nur für einen möglichst sanften Übergang sorgen.

Im Aufwachraum hörte ich den pampigen Patienten von heute früh. Scheinbar wurde er nun doch operiert. Sie sagten ihm, dass sie dreimal nachspritzen mussten, denn der fette Wichser wollte einfach nicht einschlafen. Ehrlich gesagt war ich da ein bisschen enttäuscht. Ich wollte der Typ sein, bei dem sie – wie schon andernorts bei mir – nachspritzen mussten. Ein ganz harter Hund, den so ein bisschen Propofol nicht aus den Latschen haut. Aber war ja auch scheißegal. Ich bin lieber der entspannte Typ, als der angespannte, fahrige, nervöse Kerl, der sich nicht in die Narkose fallenlassen kann.

Wie immer setzte bei mir die Erinnerung darüber aus, wie ich nach dem Aufwachen den Raum wechsle. Das erste, an das ich mich erinnere, ist mein Vater im Zimmer, wie er schon ein paar meiner Sachen in den Schrank gehängte hatte und neugierig an einem Tisch saß. Und jetzt ratet, wer kurz nach mir ins Zimmer geschoben wurde. Richtig. Der fette, unsympathische Typ. Um mich gleich mal mit ihm bekannt zu machen fragte ich ihn, ob man seinen roten Ordner jetzt doch noch gefunden hätte. Er brabbelte unverständlich in einem übermüdeten Säufersprech. Sein roter Ordner war mir nicht interessant genug für ein “Entschuldigung? Ich habe Sie nicht verstanden.” Wenn sich jemand bei mir entschuldigen musste, dann das Krankenhaus, dafür, dass sie mir ihn als Bettnachbarn hinstellten.

Ob der Fettsack des nachts mit seinem Schrumpelpenis meine Arschwunde geschändet hat, erfahrt ihr im nächsten Blog-Beitrag.

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Sich das Arschloch wegoperieren lassen

Sonntag, 28. Juli 2013

Tja, würde ich “Feuchtgebiete” nicht für ein ziemliches Scheißbuch halten, hätte ich jetzt die Chance es ein bisschen nachzuspielen. In gegenteiligen Genderrollen natürlich. Obwohl …

Morgen ist es soweit. Meine Sachen sind grob gepackt. Das heißt, sie liegen auf dem Sofa zwischen den Dingen, die sonst immer auf dem Sofa liegen (angerissene Sexheftl, gebrauchte Kondome, leere Jägermeisterfläschchen, verschreibungspflichtige Benzodiazepine und alles andere, was ein strammer Junggeselle – der noch bei Oma wohnt - braucht, damit der Tag irgendwie rumgeht).

Bei meinen vorgestrigen Vorgesprächen zur OP musste ich einen Haufen Fragebögen ausfüllen und wurde von den Ärzten nochmal ausgiebig interviewt. Einige Fragen musste ich viermal beantworten, als wollten sie abchecken ob ich lüge. Ich musste viele Sachen unterschreiben und wurde schräg angestarrt, weil ich von allen Zetteln eine Kopie haben wollte. Das mache ich so mit Dingen, die ich unterschreiben muss. Ansonsten waren alle Schwestern und Ärzte sehr nett zu mir. Meine Narkoseärztin war sehr sympathisch und hübsch. Ich steh ja nicht so auf blond (vielleicht weil mich das an eiskalte Vertreterinnen des schwedischen Radikalfeminismus erinnert), aber sie hatte was. Mir gefiel ihr Humor und ihre Erwiderungen auf meine Sprüche. Sie triezte mich und das gefällt mir. Ich triezte sie und das gefiel ihr. Vielleicht sollte ich mir bis morgen noch die Eier rasieren.

Wie schon im Beitrag zuvor geschrieben, findet meine Deflorierung unter Vollnarkose statt. Ich bekomme Propofol, aber man hat mir versprochen unter der Michael-Jackson-Dosis zu bleiben. Nicht meine erste Begegnung mit diesem Zeugs. Es hat mir schon ein paar Magen- und Darmspiegelungen versüßt und es hieß, man hätte bei mir immer ein bisschen nachballern müssen, da ich einfach nicht einschlief. Ganz ehrlich, davon habe ich nie etwas gemerkt, für mich war es immer ein Instant-Knockout. Einmal merkte ich sogar nicht mal den: Ich starrte unentwegt auf eine Stelle im Raum und dachte mir, wann zum Fick die endlich anfangen, und da sagte die Schwester plötzlich “Oh, Sie sind ja schon wach!” Sehr strange war das.

Fortgeführt wird die Narkose wahrscheinlich entweder durch eine Larynxmaske oder Intubation. Beides könnte meine bisherigen Bemühungen und Erfolge in der logopädischen Therapie ein wenig verprellen, da hierbei gelegentlich Schluckbeschwerden als Nebenwirkung auftreten können. Danach bleibe ich für eine Nacht im Krankenhaus und liege auf dem letzten Rest, den sie von meinem Arschloch übrig gelassen haben. Mir wird ein blutgerinnender Schwamm ins Loch gestopft, der mit dem (O-Ton Assistenzarzt: “wahrscheinlich schmerzhaften”) ersten Stuhlgang rausgeschissen/-geschossen wird. “Das sieht in der Schüssel nach Schleim aus, aber keine Sorge.”

Schmerzmittel, die ich bekommen soll, kann ich natürlich in ihrer Tablettenform nicht schlucken. Es soll sogar eine 4g-Pille dabei sein. Hab mir sagen lassen, das sei groß. Doch ich darf natürlich alles schön zerstößeln. Wer mich genauer kennt, kennt auch meine Einstellung zu Schmerzmitteln. Hier werde ich aber wohl nicht drüber hinwegkommen, da sie unter anderem abschwellend wirken (hoffentlich nur am Arsch und nicht am – ihr wisst schon). Man versprach mir Bescheid zu geben, wenn meine Wunden es nicht nötig machen. Manchmal muss man einfach den Schmerz fühlen, ihn in den Arm nehmen und mit ihm um die Wette lachen. Ich sehe das als Abhärtung, um später ein guter Beschützer zu sein und länger zu funktionieren, während andere sich bereits einigeln und tot stellen. Klingt komisch, ich weiß. Bekannte aus der Pharmazie zeigen mir wegen dieser Einstellung den Vogel. Vielleicht weil sie durch mich weniger verdienen.

Ob ich aufgeregt bin? Eigentlich nicht. Gegenüber meinem besten Freund, der mich gestern besuchte, war ich vielleicht ein bisschen ruhiger und schwermütiger als sonst. Bis auf das ist alles in Ordnung. Zugegeben, zwei- oder dreimal flackerte kurz der Gedanke auf, was passieren würde, wenn ich nicht aus der Narkose aufwache. Die Menschen und die vielen unerfüllten Träume, die ich hinterlassen würde, taten kurz weh, aber das ist nur Selbstschinderei an so etwas zu denken. Wenn ich sterben sollte, wird mir das alles mit größter Wahrscheinlichkeit ziemlich egal sein. Der Gedanke an alle Post-OP-Prozesse von Wundpflege bis Schmerz beim Scheißen nerven mich natürlich. Möchte nicht dran denken, wie viele hart angefressene Kilos ich verlieren werde. So was nervt mich total. Das wars dann aber auch schon. Ich freu mich eigentlich ziemlich drauf.

Bezüglich der Körperflüssigkeiten, die aus mir rauslaufen werden, halte ich euch auf dem Laufenden. Und ob sie mir neben dem Arschloch noch aus lauter Penisneid die prallen Geschlechtsteile amputieren, darüber selbstverständlich auch. In diesem Sinne …

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Heute war ein guter Tag

Donnerstag, 18. Juli 2013

Dieser Blog-Beitrag ist verfickt lang. Lies ihn nicht. Er hat keinerlei Relevanz für dich und dein Leben. Das alles ist nur Bullshit. Aber Bullshit der von einem ständig präsenten, sehr schönem Gefühl begleitet wurde. Und das habe ich nun versucht so spontan und undurchdacht wie nur möglich aufzuschreiben. Das wirst du unter anderem daran merken, dass ich in den Zeitformen springe wie ein barfüßiger auf einem Lavateppich – mehr als sonst! Verzeih Gedankensprünge, schlechte Formulierungen und langweiliges Geschwafel. Selbst schuld wenn dus liest. weiter…

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Liebeslogik in der Logopädie

Mittwoch, 10. Juli 2013

Da möchte man vor kurzem noch dem sozialen Leben endgültig den Rücken kehren und ein Eremiten-Dasein in herrlicher Askese fristen, schon schöpft man wieder Hoffnung, nur um kurz darauf ein Stückchen tiefer zu fallen. Denn es muss weh tun, wenn man auf den Arsch fällt! Oder auf den Hinterkopf. Und so lieg ich da, mit offenem Schädel und komische Gedanken sickern aus mir heraus, in denen meine Gefühle süßlich und bunt schimmern, wie Öl in Regenpfützen.

Du bist hübsch. Auf den Bildern sehe ich dich mit offenem Haar. In meiner Gegenwart, trägst du es gebunden, verschlossen, geflochten. Aber du selbst bist ganz anders. Du bist ungebunden, hast einen weiten Umzug hinter dich gebracht, losgelöst von deinem Ursprung, von Freunden, von Familie. Du bist alles andere als verschlossen, öffnest dich meinen neugierigen Fragen und erzählst mir was ich wissen möchte. Und so versuche ich dich behutsam in mein Leben einzuflechten, wenigstens eine kleine Strähne deines Seins. Nichts an dir ist in der Lage mich zu retten, aber du bereicherst mein Leben – das tust du schon jetzt.

Unsere Beziehung ist eigentlich eine rein geschäftliche. Du bekommst mein Geld, um mir meine Achillesferse in die Styx zu tauchen. Bei meinen Selbstversuchen, wäre ich fast ertrunken. Hierbei lege ich größtes Vertrauen in dich, bin absolut offen zu dir. Mit jedem Tag, an dem wir uns sehen, fallen Blätter von meiner Baumkrone, bis das morsche Geäst im Sonnenuntergang für dich sichtbar wird – das Geäst, in das du eine Schaukel hängst. Gedanken versunken wirst du in dieser Schaukel sitzen und dich im warmen Wind wiegen. Du wirst dein Haar öffnen und ich werde hinter dir stehen und den Duft deiner aufgehenden Locken in tiefen Zügen einatmen.

Ob ich verliebt bin in dich? Ich weiß es nicht. Wie kann man das nicht wissen? Man kann. Es ist eine Schutzfunktion, nicht zu wissen ob man verliebt ist. So kann man nicht verletzt werden. Ich habe aber keine Angst davor verletzt zu werden. Manchmal denke ich mir, etwas in mir möchte verletzt werden. Mein in gewissen Abständen auftretender Selbsthass ist ein großes Problem, für mich und alle, die mit mir zu tun haben. In diesem Blog finden sich einige Beiträge, die inmitten solcher Phasen verfasst wurden. Das werde ich wohl nie mehr wegkriegen. In gewissen Dingen habe ich nunmal eine schlechte Meinung von mir. Ich spiele in der untersten Liga - wenn ich spiele! Meistens sitze ich auf der Bank und starre mit schlafentzogenen Augen auf den Spielfeldrand. Du bist in vielerlei Hinsicht Perfektion, spielst ganz oben mit. Ich stelle dich nicht auf ein Podest, das mache ich mit Frauen prinzipiell nicht, selbst wenn es so scheint. Aber ich leuchte dich gut aus, weil dein Anblick mich beruhigt. Was du in mir siehst, weiß ich nicht. Ein genauer Blick und man sieht mir an, dass in meinem Leben wohl schon einiges gehörig schief gegangen sein muss. So ist das halt und ich muss lernen, mich damit abzufinden.

Kann sein, dass ich diesen Blog-Beitrag jetzt nicht schreiben würde, hätte ich nicht von dir geträumt. Dieser Traum fühlte sich erschreckend echt an. Er war absolut zusammenhanglos. Wir gingen spazieren, du saßt mir gegenüber, wir lagen in enger Vertrautheit unter einer Decke, hielten uns an den Händen bis sie schwitzten … fast vergessene Gefühle wattierten mein Herz. Wäre dieser Traum nur nicht so schnell vorbeigegangen. Hätte ich nur eine einzige Nacht hindurch so träumen dürfen! 9 Stunden, 8 Stunden, 7 Stunden, egal. Seitdem träumte ich gar nicht mehr. Ich hoffe das wird sich ändern. Ich möchte wieder neben dir liegen. Du bist nicht meine Lebensretterin. Keine Frau der Welt wird mich jemals komplett machen können. Das kann nur ich selbst. Aber du bist mir ein himmlischer Ruhepol, selbst im Traum. Und du führst einen Zeigestock, der mit salziger Spitze in meine Wunden stößt. Ich finde das gut, daran wachse ich (meine erste und letzte Freundin war da genauso, in ihrer Stichigkeit nur bemüht, mich mein bestes Ich werden zu lassen). Unsere Treffen im echten Leben sind konfrontativ und sie werden noch härter. Hier wird sich beweisen, ob ich vor der Welt und all ihren Problemen den Schwanz einziehe oder ob ich Mut, Kraft und Ausdauer habe, dagegenzuhalten.

Wie dem auch sei, du machst mir Spaß. Ich habe bereits mit dir vereinbart, dass wenn das alles hier überstanden ist, wir den Kontakt aufrecht erhalten. Ich möchte dich als Freundin fürs Leben gewinnen. Ich bin fast 28 und du Mitte 20. Für Menschen wie mich, ist es nicht mehr so einfach Freunde zu finden. Eigentlich war es für mich noch nie leicht, da ich sehr spezielle Vorstellungen von einem Freundeskreis habe. Manche würden sagen, meiner habe gar keine Kreisform. Wie ein krakeliges Pentagramm, so sähe er aus. Und jeder, der in einer der Ecken steht, muss das Spiel mit dem Feuer beherrschen. Kann schon sein. Wie auch immer: Ich wünsche mir wirklich, dass du mir eine Freundin wirst und es auch bleibst. Und wenn sich hinter demjenigen, der dir den Goldring an den rechten Ringfinger gesteckt hat, ein weiterer Mensch deiner Art befindet, umso besser.

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Netzcourage

Sonntag, 23. Juni 2013

Roger Buscapé Nigk besucht Pornoseiten, wen wunderts? Ich bin da ehrlich. Ab und zu muss man sich die Wünschelrute trockenschütteln, wenn man auf zu viel Wasser gestoßen ist. Komische Metapher, aber ihr wisst schon was ich mein. Das ist ein ganz normales Bedürfnis mal das Fernglas wegzulegen, die Nachbarn in Ruhe zu lassen und ein bisschen auf etablierten Seiten nach richtig abgefuckter Hardcore-Pornographie zu suchen. Nur, dass mein Fund so abgefuckt sein würde, damit rechnete ich nicht …

Es gibt diese Website mit dem Hamster als Logo und dem X. Wer als Volljähriger jetzt auf die intellektuell verkrüppelte Idee kommt, nach “Hamster X” zu googlen, wird unter Umständen auf virenverseuchte Seiten stoßen. Wer auf gutdünken mal was mit Hamster und X in seinen Browser hackt, wird noch eher auf Viren stoßen. Sogar die Originalseite ist durch externe Ads unsicher (tja, nicht nur beim physischen Sex kann man sich was einfangen). Lieber Leser, sei einfach mal nicht so neugierig und bleib für dein wöchentliches Wichsfest beim Internetauftritt der Bild, okay? Danke.
Ich war also auf dieser gottverdammten Seite und habe mich aus purer Langeweile durch ein paar Bilder geklickt. Und was sehe ich da? Ich sehe die, die sich nicht wehren können. Die, die eigentlich unseren besonderen Schutz brauchen. Die, die durch ihre Naivität und schlichtes Unwissen von kranken Menschen manipuliert, umgeformt, gebrochen werden – wahrscheinlich Menschen, denen sie eigentlich vertrauen sollten. Junges Leben. Zerstörte Existenzen in Pixel gebannt. Schreckliche Bilder. Ich könnte euch schon den Tag versauen, indem ich nur Hintergründe oder Details in der Bildkomposition beschreibe, ohne ein Wort über das Wesentliche zu verlieren. Es wird mir schwer fallen, sie zu vergessen. Das perfide: Ich wurde von einem in Miniaturansicht nicht weiter auffälligen Foto in das Album gelockt. Ein paar wenige Klicks und mein Bauch wurde von einer eisigen Kälte durchfahren. Ich weiß nicht, ob es Entsetzen, Angst, Panik oder ein kurzer Schockzustand war. Meinen Ständer ließ ich los als sei er etwas Giftiges. Es war 2 Uhr nachts, die Bilder wurden vor 2 Stunden hochgeladen. Sofortiges Handeln war gefragt.

Um dieses Sammelsurium an Grausamkeit schnellstmöglich löschen zu lassen, musste ich mich bei dieser Seite anmelden. Ich betätigte an jedem Bild den Melde-Button. Ich ging auf das Profil des Uploaders und sah, dass er schon einige Freunde und wohlwollende Kommentare hatte. In seinen persönlichen Angaben stand unter Kids “No, and don’t want any”. Nun, auch wenn er keine Kinder wollte, wollte er sie scheinbar doch auf eine andere Art. Ich fragte ihn in einem Kommentar, warum er diese Bilder hochlade und riet ihm, sich ernsthaft Hilfe zu suchen.

Ich speicherte sein Profil und eines der Bilder in meinen Lesezeichen, um sicher gehen zu können, dass hier etwas passiert. Aus reiner Paranoia gab ich den Lesezeichen eindeutige Namen, die meine Abscheu unterstreichen sollten. Schließlich klickte ich einige der Bilder an, welche jetzt in einem temporären Ordner auf meiner Festplatte liegen und auch nach löschen sicher noch einige Zeit wiederherstellbar sind. Im Grunde war ich sowieso schon mit einem Bein im Knast – mindestens die National Security Agency wusste jetzt über mich Bescheid.

Nach kurzer Zeit war das Fotoalbum unter dem Profil dieses kranken Typen nicht mehr anklickbar. Die Miniaturansicht wurde mit einem “Moderated”-Logo ersetzt. Nicht lange und der User war gelöscht. Der direkte Link zum Bild und damit auch der Zugriff auf das restliche Album, war jedoch nach wie vor gegeben. Hier dauerte es mehr als 24 Stunden, bis auch das offiziell gelöscht war. Wahnsinn. Ja, ich finde, das hat zu lange gedauert. Der Zugriffszähler stand schon bei einigen Tausend. Natürlich bin ich mir sicher, dass Kinderpornographie Mittel und Wege hat, sein Publikum zu finden, ohne groß Gefahr zu laufen, erwischt zu werden. Hierzu kam ich durch meinen lieben Blogger-Kollegen im Staircase mal auf den Link zu einem offenen Brief eines Pädophilen (lange her). Das ist inzwischen offline und ich habe nicht die Muse, nach einer weiteren Kopie zu suchen, darin stand aber wie diese Schweine organisiert sind. Erschreckend. Diese Hilflosigkeit tut weh, doch vermutlich nicht vergleichbar mit dem Schmerz der Geschändeten.

Was soll ich noch weiter schreiben. Ich bin gerade wieder ziemlich gepisst deswegen. Was kann ich euch mit diesem Beitrag auf den Weg geben? Netzcourage zeigen, innerhalb unseres Tätigkeitsraum als User etwas gegen diese Scheiße unternehmen (z. B. Meldebutton klicken). Weiß Gott kann ich euch nicht raten, wie ein rechtschaffender Rächer nach solchen Inhalten aktiv zu suchen und dann dagegen vorzugehen. Damit macht man sich wohl schnell zum Mittäter und kommt in Erklärungsnot. Aber ihr könnt etwas gegen die Dinge tun, die euch beim “normalen” Internetgebrauch auffallen. So fand ich auf YouTube vor einigen Jahren unter harmloser Überschrift das Video einer 6-jährigen, die, von vielen sogenannten Requests getrieben, ihren Körper in verschiedenen Posen vorstellte. Die Kommentare waren eindeutig. Ich schrieb der Kleinen, dass sie unbedingt mit ihren Eltern über solche Videos reden und ihnen die Kommentare und Nachrichten anderer User zeigen solle. Das Video wurde kurz darauf von ihr gelöscht und ihr inzwischen bescheiden besuchter YouTube-Channel beschränkt sich auf harmlose Clips, in denen sie selbstgemalte Bilder, Lieblingsbücher und Frisuren vorstellt.

Nein, diese vermeintlichen Heldentaten möchte ich mir nicht auf die Fahne schreiben. Mein tiefster Wunsch ist, dass ich nicht der einzige war, der etwas tat und mit mir zusammen unbekannte Mithelfer den Handlungsdruck erhöhten. Bitte seit einer dieser Mithelfer. Und wenn ihr Kinder habt, passt auf, mit wem sie im Internet so abhängen und was sie von sich preis geben. Das Internet vergisst nur wenig. Das sehe ich, wenn ich nach meinem Namen google und Sätze von mir finde, für die ich mich heute schlagen könnte.

Bleibt sauber

Euer Roger

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